WAZ-Gruppe Das Wohl der Erben im Blick

Springer oder Grotkamp? Im Kampf um die WAZ-Gruppe liegt es nun an Testamentsvollstrecker Peter Heinemann, zu entscheiden, wer den Konzern künftig übernimmt.

Von Hans Leyendecker

Der Letzte Wille hat oft eine Menge Haken, und ein ernsthafter Testamentsvollstrecker muss alle Haken kennen. Peter Heinemann, der Sohn des ersten SPD-Bundespräsidenten Gustav Heinemann, ist ein überaus gewissenhafter Problemkenner. Der promovierte Essener Anwalt lässt sich von niemandem einschüchtern, und vielleicht weil er der Sohn des unbestechlichen Bürgerpräsidenten ist, der ein Leben lang seinen Überzeugungen treu blieb, nimmt auch er die Dinge sehr genau.

Der 75-jährige Peter Heinemann spielt jetzt als Testamentsvollstrecker eine entscheidende Rolle bei einer irritierenden Bieterschlacht um Deutschlands drittgrößten Zeitungskonzern, die Essener WAZ-Gruppe. Eine der Gesellschafterinnen des Konzerns, Petra Grotkamp, die bislang knapp 17 Prozent der Anteile hält, hat ein Angebot abgegeben, weitere fünfzig Prozent für 470 Millionen Euro zu kaufen. Als Heinemann die Offerte prüfte, hielt der Springer-Verlag dagegen und gab auch ein Angebot ab. Heinemann wird untersuchen, ob der Springer-Vorschlag seriös ist. Das kann recht lange dauern. Vielleicht bekommt auch keiner der beiden den Zuschlag, weil es noch ein besseres Angebot geben könnte.

Das klingt verwirrend und selbst Insider brauchen eine Weile, um die Regeln bei diesem Zeitungs-Monopoly zu verstehen. Der größte Regionalzeitungsverlag des Kontinents wird von zwei Clans beherrscht: Die Erben der WAZ-Gründer Jakob Funke (konservativ) und Erich Brost (sozialdemokratisch) halten je fünfzig Prozent. Früher waren sich die Brosts und die Funkes spinnefeind. Es gab einen ehernen Paritätsgrundsatz.

Peter Heinemann war mal der Anwalt von Erich Brost und hatte das absolute Vertrauen von dessen zweiter Frau Anneliese, die im September 2010 starb. Anneliese Brost war eine engagierte Sozialdemokratin, die mit den Funkes nichts zu tun haben wollte. Aber noch schwerer tat sie sich mit ihrem Stiefsohn Martin (Jahrgang 1946), der in jungen Jahren hinauskomplimentiert worden war. Vater und Sohn hatten sich entfremdet und die Stiefmutter gab sich entsprechend. Nach Ansicht des alten Brost war sein Stammhalter weder imstande, die Auseinandersetzungen mit den Funkes durchzustehen, noch geeignet, das publizistische Erbe zu vertreten. Zum Missvergnügen des Alten hatte er auch Geheimgespräche mit den Funke-Töchtern geführt. Der Sohn ließ sich Mitte der achtziger Jahre auszahlen, ging nach Bayern, wurde Biobauer und legte das Geld gut an. Er behielt auch das ihm vererbte Kommanditistenkapital bei einigen Industrie- und Handelsbeteiligungen wie dem Otto-Versand (12,5 Prozent). Allein diese Beteiligung soll ihm eine halbe Milliarde Euro gebracht haben.

Für die beiden Alten stand, wie Insider beschwören, immer fest, dass niemals ein Funke ihren Anteil bekommen dürfte. Das war für die beiden vermutlich so selbstverständlich, dass sie diesen Willen nicht einmal in ihre diversen Verfügungen aufnahmen. Und für beide war vermutlich genauso selbstverständlich, dass Martin Brost nichts mehr mit den Geschäften der WAZ zu tun haben sollte. Allerdings sollten dessen drei Kinder, die jetzt 13, 18 und knapp über zwanzig Jahre alt sind, ab Mitte dieses Jahrzehnts über den gesamten Brost-Anteil in Höhe von 50 Prozent verfügen können. Bis dahin sollte der mit den Obliegenheiten und Spezialitäten der Familie vertraute Peter Heinemann als Testamentsvollstrecker agieren - also auch für die Enkel.