TV-Zuschauerzahlen Der Tag, an dem die Quote starb

Was der vorauseilende Gehorsam der Quote am meisten behindert: eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Publikum. Illustration: Stefan Dimitrov

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Geißel der künstlerischen Freiheit, fantasiemordendes Korsett: Wie sähe das deutsche Fernsehen aus ohne das verfluchte Machtinstrument der Zuschauerzahlen? Eine Utopie.

Gastbeitrag von Friedemann Fromm

Aufblende: ein nichtssagender Besprechungsraum, nüchtern, in deeskalierenden Farben gehalten. Grüner Tee, Biokaffee, Sojamilch, betretenes Schweigen des quotenkorrekten redaktionellen Einpersonenpärchens dieses großen, mir Heimat bietenden Senders. Ratlose Blicke auf wenig Trost spendende Handyoberflächen. Die Tür fliegt auf, Auftritt:

Ich - versteckt hinter meinem großen, hellwachen Ego, das sofort lospoltert: Habt ihr meinen Film gestern gesehen?

Er-Sie: Ja.

Ego-Ich: Und wie fandest du ihn?

Er-Sie: Weiß nicht. Ich hab keine Quote von deinem Film.

Ego-Ich: Hä? Wie das?

Er-Sie: Sie ist weg. Die Quote.

Ich: Du verarschst mich, oder?

Er-Sie: Nein. Mein Verständnis von Humor schließt das nicht mit ein.

An dieser Stelle friert das Bild kurz ein. Das Ego bekommt kleine Risse, das Ich versucht, sie schnell mit einem ungläubigen Lachen zuzukleistern. Erfolglos. Düstere Musik setzt ein. Die Kamera fährt ganz nah in die Gesichter, deren Ausdruck zwischen Ungläubigkeit, Erstaunen, Freude und blanker Panik changiert. Schweiß tritt aus der einen oder anderen Pore.

Ich: Kommt sie wieder?

Er-Sie: Nein. Wir müssen sehen, wie wir alleine klarkommen.

Ich: Das heißt, ich kann jetzt schreiben, was ich will?

Er-Sie: Nein, äh, ich weiß nicht. Es gibt ja immer noch die Zuschauer, auch wenn sie ohne Quote nicht mehr so wichtig sind. Verdammt, was machen wir denn jetzt?

Zufahrt auf das Gesicht des Kreativen - mein Gesicht. Zeitlupe. Unterschwellige heroische Musik. Ein Lächeln, das sich unendlich langsam über mein Gesicht ergießt, wie geschäumte Milch in einen herrlich nussigen Espresso. Ich werfe meinen Kopf zurück. Ein Rest von Schuppen glitzert wie Goldstaub in der Morgensonne.

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Ich: Wir machen, was wir wollen.

Er-Sie: Das will doch keiner sehen.

Kreischend kommt die Musik zum Stillstand. Ich reiße die Augen auf und richte mich hektisch auf. Mein Handy läutet. "Ja?" - "Wo bleibst du, Alter? Ich steh vor deiner Tür. Wir müssen zur Abnahme. Ich hoffe, du bist fit. Das wird 'ne beinharte Nummer; die reißen uns den Arsch auf." Meine Produzentin. Wenn es um Motivation geht, gibt es außer ihr und einer geladenen Pistole an meinem Kopf nichts, was mich mehr in Fahrt brächte. Ich versuche Konversation. "Weißt du,was ich geträumt habe?" - "Ist mir scheißegal. Schick's mir als Exposé. Die Quote ist weg, und jetzt herrscht blanke Panik. Großer Versorgungsengpass an persönlicher Meinung, das macht den Leuten Angst. Entscheidungsvakuum. Und dieses Vakuum, das musst du füllen. Schaffst du das?" - "Klar. Ist doch geil" - "Alter, das ist keine Übung, verstehst du? Das ist der Ernstfall!"

Nicht die Quote an sich ist im künstlerischen Prozess das Problem, sondern die Art, wie sie eingesetzt

So oder ähnlich oder ganz anders, aber irgendwie vielleicht auch nicht könnte es sich abspielen - dieser Tag, den wir alle im kreativen Teil dieser seltsamen Welt der ewigen Sandkastenspiele in seltener Eintracht herbeisehnen, lautstark fordern, wohlfeil einklagen. Der Tag, an dem die Zuschauerquote schweigt. Diese Geißel unserer künstlerischen Freiheit, dieses fantasiemordende Korsett. Endlich würden wir das schreiben, inszenieren, schneiden, spielen, senden, was nur aus uns selbst kommt, sich nur an unserer Meinung misst, an unserem Verständnis von Geschichten und deren Erzählen. Wir würden überraschen, schockieren, amüsieren, fordern. Ja, fordern. Denn das ist es, was der vorauseilende Gehorsam der Quote gegenüber am meisten behindert: eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Publikum, ohne Angst, dass die Quote zum Argument gerinnt, und man in die Nische der "Kunst" ausweichen muss, um sich zu rechtfertigen.

Mir hat mal jemand gesagt: "Das Diktat der Quote soll verhindern, dass ihr Kreativen machen könnt, was ihr wollt. Mit der Quote kann man Inhalte steuern, ohne inhaltlich argumentieren zu müssen." Stimmt.

Friedemann Fromm, 54, ist ein vielfach ausgezeichneter Regisseur und Drehbuchautor. Die vierte Staffel von Weissensee startet im Mai. Derzeit schreibt er an einem neuen Serienprojekt: einem zeitgenössischen deutsch-dänischen Familiendrama.

(Foto: imago)

Ich hatte das Glück, mich nie dem Diktat der Quote unterwerfen zu müssen, aber auch ich habe erlebt, dass bestimmte Stoffe nicht gemacht wurden, weil sie angeblich keiner sehen will, weil vor Jahren ein Film mit einem ähnlichen Thema keine Quote gebracht hat. Ende der Diskussion. Wo sie doch hier erst anfangen müsste mit der Frage: Was willst du denn genau erzählen und warum?

Übrigens: Natürlich will ich Publikum für meine Filme. Dafür brauche ich den Quotendruck gar nicht. Und damit bin ich nicht allein.

Denn was ist ein Künstler eine Künstlerin ohne Publikum? Ein/e König/in ohne Land, ein/e Bettler/in ohne Himmelreich? Die Frage lautet: Wie können wir Künstler/innen sein, wo wir doch eine Industrie bedienen, die Millionen umsetzt? Wie können wir die Kosten rechtfertigen, die durch unsere anmaßende Überzeugung entstehen, wir hätten der Welt etwas zu erzählen, und das auch noch im teuersten aller Medien? Diese Fragen stellen sich ganz unabhängig von "der Quote".

Ich bin eitel genug, um mir Wahrnehmung und Bewunderung für meine Arbeit zu wünschen. Wer gibt mir die - jenseits meines inneren Leitfadens, meiner künstlerischen Moral?

Für ein Kunstwerk gibt es außerhalb der künstlerischen Person dafür zwei Möglichkeiten: das Publikum und die Kritik.

Was würde sich verändern durch das Verschwinden der Quote? Würde ich mein Publikum deswegen ignorieren? Kaum. Meine Geschichten können nur ihre Wirkung entfalten, wenn sie wahrgenommen werden. Das ändert sich nicht, wenn die Quote verschwindet.

Aber ihr Verschwinden würde dazu führen, dass man sich in den Produktionen und Redaktionen wieder ausschließlich mit dem Inhalt und seiner Umsetzung auseinandersetzen muss, ohne ihn im Vorfeld durch das Schlüsselloch der Quote zu schlagen. Dass man Gedankenleere nicht mehr mit "Aber es bringt Quote" tarnen kann. Dass Stoffe nicht schon im Vorfeld mit dem Spaten der Quote beerdigt werden. Wir müssten inhaltlich miteinander um den bestmöglichen Film ringen anstatt kommerziell um die beste Quote. Gute Quoten führen schnell zu einem bequemen "Weiter so", schlechte Quoten zu einem fatalistischen "Das will das Publikum halt nicht sehen".

Doch nicht die Quote an sich ist im künstlerischen Prozess das Problem, sondern die Art, wie sie eingesetzt und instrumentalisiert wird. Eigentlich ist die Quote ja nur ein Werkzeug, das allerdings zur Waffe wird, sobald es als Machtinstrument missbraucht wird, als Vorwand, systematische Verdummung des Publikums scheinbar objektiv zu rechtfertigen, indem man sich hinter einem fatalistischen Zynismus verschanzt und den Leuten so lange Scheiße serviert, bis sie den Gestank nicht mehr riechen und herzhaft reinbeißen. Und dann sagt man: Schau, die Leute wollen das sehen.

Die Quote tarnt kreative Verantwortungslosigkeit, indem sie eine Objektivität behauptet, die es in der Realität nicht gibt. Sie lenkt uns ab von unseren tatsächlichen Instinkten, entfremdet uns von unseren Impulsen, von unserem Kern, wenn wir ihr die Macht dazu geben. Dann gibt sie ein Ziel vor, das keines ist und verfälscht den Weg. Sie verleiht Stimmen Macht, die ansonsten keine Meinung hätten.

Am Ende geht es um Macht, Geld und Kontrolle. Aber Kreativität braucht Freiheit, Vertrauen und Mut. Wenn dann - am Ende - auch noch die Quote stimmt, kann ich ganz beruhigt schlafen und von quotenbefreiten Zeiten träumen.

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