TV-Kritik: "Das Medium" auf RTL Geisterstunde mit Uwe Barschel

Mordermittlungen und Untersuchungen in zwei Ländern - und kein Ergebnis. Die Umstände des Todes von Uwe Barschel blieben ungeklärt. 23 Jahre. Bis RTL kam. Und Tote wachrüttelte.

Eine kleine Nachtkritik von Lars Langenau

Fangen wir mal seriös an - und loben: Ehrenwert, wie Freya Barschel um den Ruf ihres verstorbenen Mannes kämpft. Ehrbar, dass sich das Fernsehen jetzt auch der Trauerhilfe widmet. Achtbar, daran zu erinnern, dass es Dinge gibt, die wir in unserer ach so aufgeklärten Welt nicht mit Logik fassen können. Dass es Dinge zwischen Himmel und Erde geben mag, die wir uns nicht erklären können. Irgendwie spirituell.

Passt in die Tage: Am Sonntag erinnerten die doch sehr an die Ratio gebundenen Protestanten an den legendären Thesenanschlag Martin Luthers im Jahr 1517 und feierten ihr Reformationsfest. In den evangelischen Kirchen wurde an die Liebe Gottes erinnert.

Alle Kinder feierten Halloween. Ein Kürbiskult, der erst 1991 wegen der vielen ausgefallenen Karnevalsumzüge und Faschingsfeiern während des ersten Golfkrieges seinen Siegeszug in Deutschland antreten konnte.

Und der Allerheiligentag schließlich wurde einst von den Katholiken eingeführt, weil man keinen Überblick mehr über all die Heiligen hatte und das Gedenken konzentrieren wollte. Die katholische Kirche kann sich also auf Heilige verlassen. Auch irgendwie spirituell.

Aber irgendwie auch alles Mummenschanz. Oder? Reformationstag und Allerheiligen fallen in einer säkularisierten Welt kaum auf. Außer natürlich, dass in mehreren Bundesländern die Menschen länger im Bett bleiben dürfen, weil Feiertag ist. Da kann man nachdenken über all die Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht verstehen. Vielleicht auch darüber, wie Uwe Barschel zu Tode kam. Denn das ist nach wie vor ein Rätsel.

Zumindest bis Sonntagabend. Bis zum Programm von RTL.

Da versendete der beliebteste deutsche TV-Sender die Sendung Das Medium von 19.05 Uhr bis 20 Uhr, inklusive zweier Werbeunterbrechungen. Und da verbindet "das Medium" Kim-Anne Jannes Lebende mit Toten. Trauerbewältigung soll geleistet, Ungeklärtes geklärt werden. Zugpferd der Pilot-Sendung bildet eine ehemals öffentliche Person: Freya Barschel auf der Suche nach einem Stückchen Wahrheit über den Tod ihres Mannes Uwe.

Die Expedition ins Jenseits sorgt bei den Irdischen für Aufmerksamkeit. Am Samstag wurde der Witwe Freya die freundliche Unterstützung der Bild-Zeitung zuteil. Das Blatt titelte unter dem berühmten Bild des toten Barschel in der Badewanne: "TV immer verrückter - Toter Barschel spricht bei RTL. Er sagt: Ich bin ermordet worden." Das ist schon mehr als ein Anflug von Schizophrenie im System Boulevard: Erst der Sache, also dem Tod Barschels, die gesamte Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen - und dann geschickt die Distanzierung durch den Satz "TV immer verrückter" hinzusetzen. Hübsches Bandenspiel.

Tote werden wachgerüttelt

Also rüttelte RTL die Toten wach. Mit Hilfe der 39 Jahre alten Autorin, Sterbe- und Trauerbegleiterin Kim-Anne Jannes, die von Moderatorin Petra Neftel chronisch "Schweizerin" genannt wird, obwohl sie da nur lebt. Zunächst widmet sich Frau "Medium" einem Bundeswehrsoldaten, der bei einem Unfall starb und der seiner Schwester nun erklärt, dass er sie auch lieb habe.

Dann sind der Mann und der Sohn einer Frau an der Reihe, die auf Mallorca ermordet wurden. Reißerisch wird Kim-Anne Jannes durch die "Todesfinca" geführt, in der die bis heute unaufgeklärte Mordtat geschah und in der die neue Mitarbeiterin von RTL Kontakt aufnimmt. Zunächst über Kopfschmerzen, die sie dort überfallen und die sich als tödliche Kopfschüsse herausstellen. Makaber.

Kim-Anne Jannes sieht sich als "Dolmetscher zwischen dem Diesseits und Jenseits". Sie will helfen bei der Frage nach dem "Warum" - und helfen bei der Bewältigung der Trauer. Doch man kommt sich ein wenig vor wie bei Uri Geller, der jahrelang die TV-Zuschauer mit dem Verbiegen von Löffeln narrte.

In ihrem dritten Fall schließlich nimmt Jannes dann Kontakt zum prominentesten Toten auf. Dem ehemaligen schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel, der neun Tage nach seinem Rücktritt am 11. Oktober 1987 unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen tot in der Badewanne des Genfer Hotels Beau Rivage gefunden wurde. Im Zimmer 317. Sicher starb er an einer Medikamentenvergiftung.

"Herzlich Willkommen in meinem Reich"