Tatort-Nachlese Der Mörder ist immer der Rechtsextreme

Jonas (Isaak Dentler, rechts) versucht den Neonazi Heiner Pohlmann (Enno Hesse) auszuhorchen. Doch da hat er sich den Falschen ausgesucht.

(Foto: HR/Degeto/Bettina Müller)

Das kann im Frankfurter "Tatort" zwar nicht bewiesen werden. Doch wenn die Fakten fehlen, hilft das Drehbuch mit experimenteller Lyrik nach. Die Nachlese.

Kolumne von Paul Katzenberger

Erkenntnis:

"Land in dieser Zeit" erinnert uns an die deutschsprachige Hochkultur: Gleich am Anfang singt ein Chor Wilhelm von Waldbrühls Volkslied "Kein schöner Land", und Fosco Carridi (Bruno Cathomas), der neue Chef von Hauptkommissarin Anna Janneke und Hauptkommissar Paul Brix, kann gar nicht aufhören, aus Ernst Jandls Gedichtband "Laut und Luise" zu rezitieren. Und so stellt sich die Frage: Können aus einem Kulturraum, der Volksweisen und experimentelle Lyrik hervorgebracht hat, überhaupt Mörder kommen?

Eigentlich dreht sich der Fall jedoch um ...

... die Brandstiftung in einem Friseursalon, in Folge derer die Auszubildende Melanie Elvering bei lebendigem Leib verbrannt ist. Alles deutet zunächst auf den senegalesischen Drogenhändler John Aliou als Täter hin, doch wie sich herausstellt, hat der ein Alibi. Sollte ihm die Tat angehängt werden, damit fremdenfeindliche Anwohner den Kiez drogenfrei bekommen? Oder war vielleicht doch Versicherungsbetrug im Spiel? Anders gewendet: Jeder kann der Täter sein, ob farbiger Ausländer, Fremdenhasser oder Otto Normalbürger.

Und dann geht's doch ...

... um das "Land in dieser Zeit", das auch andere Seiten hat als die Hochkultur - zum Beispiel eine rechtsextreme Szene. Deren Anhänger dröhnen sich in versifften Kellerspelunken mit Alkohol und aggressiven Heavy-Metal-Tracks wie "Instakill" und "Killer Instinct" zu. Das muss allerdings nicht heißen, dass die rechtsextreme Intelligenzia nicht ausgesprochen distinguiert im Sinne eines Wilhelm von Waldbrühl wäre - und sogar gut singen kann.

Dieser Tatort ist als Halbmusical verkleidet

Der Frankfurter Tatort hat die Regeln des Sonntagabendkrimis oft gebrochen. Dieses Mal kommt dabei Anstrengendes heraus: Die Kommissare ermitteln unter Rechtsradikalen, gesungen und rezitiert wird aber auch. Von Holger Gertz mehr ...

Bester Dialog:

Janneke und Brix haben beschlossen, den Kollegen Jonas in den Neonazi-Klub einzuschleusen, um mehr über die fremdenfeindliche Verdächtige Vera Rüttger herauszufinden. Jonas versucht, deren Lover auszuhorchen, den aktenkundigen Rechtsextremen Heiner Pohlmann. Im Hintergrund knutscht Vera gerade mit einer Frau.

Jonas: Komisch. Mit der habe ich vor ein paar Wochen noch gevögelt. Da sah sie gar nicht aus wie eine Lesbe.

Pohlmann: Ja, da machst du nichts bei der.

Jonas: Ist die überhaupt richtig dabei, bei der Sache?

Pohlmann: Hör mal: Ich sehe zwar so aus, aber ich bin nicht Wikipedia. Ich kann dir durchaus eins in die Fresse hauen, oder wir können einen trinken. Ist deine Entscheidung.

Jonas: Heil Hitler!

Pohlmann: Hau rein Alter!

Top:

Brix, dieser Mann der Straße, der jahrelang in der Halbwelt zu Hause war, dem nichts fremd ist, kommt an seine Grenzen, als die transsexuelle Untermieterin Fanny die ganze Wohnung mit Flüchtlingen belegt. Die richten sich gleich recht wohnlich ein: Lamin schläft in seinem Bett, Brix muss auf die Couch ausweichen. Najla - aus dem Jemen geflohen - fährt mit seinem Auto in Frankfurt spazieren, während er auf Nachteinsatz ist, und morgens ist das Bad ständig belegt. "Scheiß Flüchtlinge", knurrt Brix. Politisch inkorrekt kann auch mal lustig sein.

Flop:

Eins ist ja richtig: Nach der Kriminalstatistik begehen Flüchtlinge im Schnitt genauso viele Straftaten wie Deutsche. Janneke versucht, das der xenophoben Vera Rüttger in deren Sprache einzubleuen: "Es gibt deutsche Mörder, es gibt ausländische Mörder, es gibt weiße Kinderschänder, es gibt schwarze Kinderschänder, und es gibt wahrscheinlich auch gelbe Kinderschänder. Mensch, die Hautfarbe hat doch gar nichts mit Gut und Böse zu tun." Wohl wahr, genauso wie es zutrifft, dass das Vorurteil nicht kleinzubekommen ist, Flüchtlinge begingen im Schnitt mehr Straftaten als Deutsche. Aber muss das Drehbuch die Flüchtlinge deswegen durchgehend als gut und fast alle darin vorkommenden Deutschen als böse darstellen? Das ist dann doch zu viel des politisch korrekten Klischees.

Bester Auftritt:

Fosco Carridi feiert einen wunderbar abgedrehten Einstand als neuer Vorgesetzter der zwei Hauptkommissare. Er kreuzt mitten in der Nacht am Tatort auf, wo Brix überhaupt nicht und Janneke noch nicht mit ihm gerechnet haben. "Da ist jemand, der behauptet, unser Chef zu sein. Ich hab' den noch nie gesehen, Karibik, oder so ähnlich", fragt Brix die Kollegin irritiert. "Ich dachte, Sie fangen erst morgen an", wendet sich Janneke an Carridi. "Es ist morgen", entgegnet der: "Null Uhr, null eins." Brix merkt, dass er einen Fehler gemacht hat und stellt sich artig vor: "Ich bin Hauptkommissar Brix." Carridi antwortet trocken: "Sie sind ein Clown."

Die Schlusspointe:

Der Fall kann nicht aufgeklärt werden. Am Ende rezitiert die ganze Mordkommission Ernst Jandls Gedicht "lichtung", das mit den Worten "So wird aus den Richtungen: lechts und rinks" beginnt. Eine Deutung von "lichtung" läuft darauf hinaus, dass das Gedicht durch die Verwechslung der Buchstaben Licht in eine Sache bringe. Und was soll das anderes sein als ein Hoffnungssignal, bei einem Fall wie in diesem? Würde nicht alles wieder von vorne beginnen.

Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

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