Blogger-Star und Huffington-Post-Intimus Jay Rosen wiederum gründete als Professor der benachbarten New York University vor rund einem Jahr den Sonderstudiengang Studio 20. Auch hier wird stark anwendungsorientiert und mit viel Enthusiasmus und Erfindergeist gearbeitet, wovon Medienhäuser wie etwa das Wirtschaftsmagazin Economist profitieren.

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Und unter der Obhut von Geneva Overholser, ehemalige Ombudsfrau der Washington Post, werden an der Annenberg School of Journalism in Los Angeles studentische Projekte wie "Gone Gitmo" realisiert, eine Nachbildung des Militärgefängnisses Guantanamo auf Kuba in der virtuellen Umgebung der Internet-Plattform Second Life, die die Bedingungen im Straflager unter journalistischen Rechercheaspekten analysiert.

Aufbruch- statt Krisenstimmung

Diese Initiativen und Projekte zeigen: Die Zukunft des Journalismus liegt im Internet - aber sie hat viele Gesichter. Aufbruch- statt Krisenstimmung heißt das Motto der Stunde - zumindest in Amerika. Das gilt auch für das Berufsbild: Während einer aktuellen Umfrage der George Washington University zufolge dort schon 89 Prozent der Journalisten regelmäßig in Blogs recherchieren, 65 Prozent in Social Networks wie Facebook und über die Hälfte der rund 9.000 Befragten angab, den Kurzmitteilungsdienst Twitter für ihre tägliche Arbeit zu nutzen, herrscht in hiesigen Redaktionen weitgehend noch Skepsis gegenüber der digitalen Vermittlung und Recherche.

Erst seit Plattformen von Bloggern wie Pottblog, heddesheimblog oder Spreeblick auch in Deutschland den etablierten Medien unerwartet das Wasser abgraben, dämmert den Machern allmählich die Erkenntnis, dass die bewährten Instrumente alleine nicht mehr ausreichen, um bei den Nutzern mit professionellen Informationen zu punkten.

Journalismus ist weder Menschenrecht noch Naturgesetz

Mit "Wozu noch Journalismus?" schließt sueddeutsche.de an die erfolgreiche Interviewserie "Zeitenwechsel" an, in der internationale Medienexperten den wirtschaftlichen Wandel der Zeitung kommentierten. Intention dieser neuen Essay-Reihe ist es nicht, eine reine Feuilletondebatte zu führen, die im Nichts endet. Vielmehr wollen wir einen medienübergreifenden Diskurs anregen und danach fragen, was Journalismus heute noch leisten kann und muss, wenn er sich als Profession an der Aushandlung eines neuen Gesellschaftsvertrags beteiligen will.

Ohne versierte und zugleich vorbehaltlose Journalisten löst sich der Urgedanke der Presse in Nichts auf - und das schadet nicht nur den Kassen der Verleger, sondern auch unserer Demokratie. Allerdings ist Journalismus weder Menschenrecht noch Naturgesetz.

Wissenschaftler, Blogger, Publizisten

In den kommenden Wochen setzen sich daher namhafte Journalisten, Wissenschaftler, Blogger und Publizisten mit dem Wandel des Journalismus auseinander und nehmen dabei insbesondere die aktuelle Krisenstimmung in Deutschland in den Blick. Sie überlegen, wie neue Technologien und Mediennutzungsformen, aber auch veränderte ökonomische und medienpolitische Rahmenbedingungen - und nicht zuletzt ideologische, gesellschaftliche und psychologische Trends - das Handwerk und Geschäft des Journalismus umprägen, und wie er aus seiner jetzigen Starre erlöst werden kann.

Im Vordergrund stehen grundlegende Fragen wie: Wozu brauchen wir noch Journalismus? Wie kann journalistische Qualität aufrechterhalten werden, sich womöglich verbessern, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter verschlechtern? Was leistet das Netz? Andererseits liegt es vielen der Beiträger ebenfalls am Herzen, Ausblicke für einen kreativen Neuanfang zu wagen - in der Hoffnung, nicht das Schicksal der Neandertaler teilen zu müssen.

Stephan Weichert (36) ist Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg, Leif Kramp (29) ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lecturer. Beide arbeiten als Medienberater für Zeitungsverlage, Verbände und Stiftungen. Sie waren 2008/ 2009 mehrere Monate in den USA, um die Folgen der Wirtschaftskrise für den Qualitätsjournalismus zu erforschen: Für ihre Studien befragten sie über 50 namhafte Vertreter aus Print- und Online-Journalismus, Verlagswesen und Medienforschung. Zuletzt haben sie gemeinsam mit Hans-Jürgen Jakobs den Band "Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert" veröffentlicht (2009, Vandenhoeck & Ruprecht), der auf die erfolgreiche Interview-Serie "Zeitenwechsel" bei sueddeutsche.de zurückgeht.

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  1. Digitale Neandertaler
  2. Identitätskrise der Branche
  3. Centre of Investigative Reporting
  4. Slow-Media-Bewegung
  5. Sie lesen jetzt Weder Menschenrecht noch Naturgesetz
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(sueddeutsche.de/berr)