Serie: Wozu noch Journalismus? Centre of Investigative Reporting

So dankt dem, der für Spot.Us-Recherchen spendet, der Chef persönlich: "Your contribution is a powerful gesture and will help us fund this investigation so we can make a difference through serious reporting", schreibt David Cohn, der die gesamte Buchhaltung für das Projekt in einer Holzschatulle aufbewahrt, die unscheinbar unter dem Schreibtisch klemmt. Mit derlei unorthodoxen Methoden schaffte er es allerdings bis in die New York Times, die einen Enthüllungsbericht der Reporterin Lindsey Hoshaw über Müllverklappung im Pazifischen Ozean veröffentlichte - und das Honorar im Voraus von Spot.Us-Nutzern zahlen ließ.

Journalismus muss bürgernäher werden!

Etwas Ähnliches hatte auch Robert Rosenthal im Sinn, der seit über zwei Jahren in der Universitätsstadt Berkeley daran arbeitet, einen Ort zu schaffen, an dem "Ideen gewürdigt werden", wie er sagt. Rosenthals ein-, aber unaufdringlicher Tonfall kommt nicht von ungefähr: Der ehemalige Auslandsreporter, der vier Jahrzehnte für einige der führenden Leitmedien Amerikas wie die New York Times, den Boston Globe und den Philadelphia Inquirer berichtete, entschied sich im Alter von fast 60 Jahren für einen beruflichen Neuanfang. Angesichts seiner bisherigen Verdienste - er hatte entscheidenden Anteil an der Enthüllung der Pentagon Papers, der Geheimakten des US-Verteidigungsministeriums über den Kriegseinsatz in Vietnam - hätte es dem vielfach ausgezeichneten Reporter so ziemlich egal sein können, ob nach ihm die publizistische Sintflut kommt.

Klaffende Löcher in der Berichterstattung flicken

Doch entschied sich der hemdsärmelige Zeitungsmann, aktiv gegen den personellen und finanziellen Rückbau kalifornischer Redaktionen vorzugehen und übernahm die Leitung des stiftungsfinanzierten Center for Investigative Reporting (CIR), einer verstaubten Non-Profit-Organisation, die sich seit 1977 weitgehend unbemerkt für die Förderung investigativer Recherchen einsetzt. Rosenthal krempelte den Verein von Grund auf um, gründete eine junge Redaktion aus kecken Hochschulabsolventen und startete ein eigenes Blog-Portal mit dem Ziel, ebenjene klaffenden Löcher in der Berichterstattung zu flicken, die von darbenden Qualitätszeitungen wie Los Angeles Times, San Francisco Chronicle, San Jose Mercury News offenkundig hinterlassen wurden.

Entstanden ist unter anderem der Watchblog California Watch, ein echtes Aushängeschild des Zentrums: Unter dem Slogan "bold new journalism", was soviel heißt wie "wagemutiger neuer Journalismus" decken Reporter Skandale und Missstände rund um Politik, Bildung, Wirtschaft, Umwelt, Gesundheit auf und animieren die Kalifornier zur öffentlichen Debatte. Ohnehin arbeiten die CIR-Blogger so bürgernah, wie irgend möglich: Nur selten ziehen sie sich in den neuen Sitz des CIRin der Center Street zurück, sondern recherchieren inmitten ihrer potenziellen Nutzerkreise, vernetzt über Hotspots in Cafés, Bibliotheken oder unter freiem Himmel. Die Reporter sind jederzeit ansprechbar - und im wahrsten Sinne des Wortes "hyperlokal".

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