Serie: Wozu noch Journalismus? (4) "Das ist nicht Ihr Kanzleramt, Herr Bundeskanzler!"

Nun mag man sich ja fragen: Was hätten die Medien in Deutschland tun sollen, als den Banken der Zusammenbruch drohte? Genauso gut mag man sich fragen, was sie in Amerika hätten tun sollen, nachdem die Twin Towers zusammengebrochen waren? Und als George W. Bush den Krieg gegen den Irak vom Zaun brach. Aber dann muss man sich auch fragen, was sollen sie tun, wenn eine Epidemie droht? Wenn ein Krieg beginnt? Wenn eine Entführung im Gange ist? Wenn der Kanzler schwarze Kassen führt? Wie lautet die richtige Antwort?

Meine Antwort lautet: Ihren Job. Immer. Berichten. Die Wahrheit. So gut sie können. Viele Journalisten sehen das heute anders. Als die erste Regierung Merkel ihren Dienst antrat, äußerte sich Hans-Ulrich Jörges bei einer Podiumsdiskussion: "Wir sollten sie wie rohe Eier behandeln. Diese Truppe ist das vorletzte Aufgebot der deutschen Politik, und ich will nicht, dass es kaputtgeschrieben wird, weil dann das letzte Aufgebot regiert."

In Teufels Küche

Man sollte sehr hellhörig werden, wenn Journalisten anfangen, sich auf ihre Verantwortung zu berufen. Sie haben nur eine einzige: der Wahrheit gegenüber. Alles andere geht sie nichts an. Journalisten sind für die Landesverteidigung nicht zuständig und für die Stabilisierung des Kapitalismus auch nicht, das Überleben der Bundesregierung muss ihnen ebenso gleichgültig sein, wie der deutsche Außenhandelsüberschuss. Sie kommen andernfalls in Teufels Küche. Da mag es einem warm und behaglich vorkommen.

Aber, um mal im Bild zu bleiben, einen so langen Löffel haben die wenigstens Journalisten, dass sie sich mit dem Teufel unbeschadet zu Tisch setzen könnten. Man darf sich nicht darauf verlassen, dass alle Journalisten sich verhalten wie Kurt Kister: Als der neue Bundeskanzler Gerhard Schröder ihn seinerzeit in einem Berliner Restaurant traf und ihm gönnerhaft zurief, ihn doch einmal in seinem neuen Kanzleramt zu besuchen, da soll Kister ihm entgegnet haben: "Das ist nicht Ihr Kanzleramt, Herr Bundeskanzler." Wenn Journalisten ihre Unabhängigkeit verlieren, werden sie zu Dienern. Zu Staatsdienern. Solche Journalisten braucht kein Mensch.

Information, Wert, Freiheit

Wir sind ja Zeugen einer Revolution. Wir leben mittendrin. Wir treiben sie selber voran. Und wir werden von ihr getrieben. Das neue Internet Protocol Version 6 erhöht die Zahl möglicher Netz-Adressen auf 2 hoch 128. Man könnte damit etwa der Hälfte der Atome im Universum eine eigene Netz-Adresse geben. Wir bauen Rechner und wir schreiben Algorithmen, die dazu in der Lage sind. Information, Wert, Freiheit, Individualität, Zukunft - diese Begriffe bekommen unter solchen Umständen eine neue Bedeutung.

Das Schicksal der Medien und des Journalismus wird von dieser Revolution ebenso ergriffen wie der Rest unseres Lebens, unserer Kultur, unserer Gesellschaft. Dafür können die Journalisten nichts. Damit müssen sie sich arrangieren. Das hat der Strukturwandel so an sich, dass es nachher anders aussieht als vorher. Aber Journalisten wären vielleicht gut beraten, diesen Wandel, der ihre Rolle in Frage stellt, der ihre Existenzgrundlage gefährdet, nicht noch zu beschleunigen, indem sie sich selber überflüssig machen.

Jakob Augstein, Jahrgang 1967, arbeitet als Journalist und Verleger. Er hat bei der Süddeutschen Zeitung volontiert und leitet seit 2008 die Wochenzeitung der Freitag in Berlin.