RTL-Geschäftsführerin Schäferkordt "Weniger ist mehr"

ARD und ZDF haben jüngst einen Mehrbedarf von 1,4 Milliarden angemeldet - für RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt ein Fall von Realitätsverlust. Im Interview erklärt sie, warum das duale System trotzdem noch zeitgemäß ist, was die BBC besser macht und was sie von Günther Jauch hält.

Interview: Christopher Keil

SZ: Frau Schäferkordt, überall wird Fernsehen in seinen Apparaten reduziert und verkleinert. Die BBC spart bis 2016 jährlich circa 800 Millionen Euro ein und baut 2000 Stellen ab. ARD und ZDF haben, wenn auch ohne Aussicht auf eine Gebührenerhöhung, gerade einen Mehrbedarf von 1,4 Milliarden Euro errechnet. Woher nehmen die Öffentlich-Rechtlichen ihr Selbstbewusstsein?

Schäferkordt: Das ist auch mir schleierhaft. Alle Industrien haben sich spätestens in der letzten Wirtschaftskrise gefragt: Was sind unsere Kernaufgaben, wie können wir die eigenen Abläufe so verändern, dass wir weniger ausgeben, ohne die Qualität unserer Angebote zurückzufahren? Vor diesem Hintergrund zeugt die Gebührenanmeldung von ARD und ZDF ausgerechnet in Zeiten wie diesen von beachtlichem Realitätsverlust, zumal auch der komplette öffentliche Sektor sparen muss.

SZ: Passt das duale System, das Nebeneinander von mit Gebühren finanziertem und kommerziell betriebenem Rundfunk, eigentlich noch in die digitale Welt mit ihrer Angebotsvielfalt?

Schäferkordt: Im Grundsatz: ja. Nur, wenn ich höre, dass sich auch Politiker erregen über die Gebührenanmeldung von ARD und ZDF, muss klar sein: Die Politik trägt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Verantwortung, für das Rundfunk-System, wie wir es heute haben mit seinem gesetzlichen Rahmen.

SZ: Den gesetzlichen Rahmen beschreibt der Rundfunkstaatsvertrag, der fortlaufend erweitert und angepasst wird. Dort ist geregelt, was Auftrag und Umfang von öffentlich-rechtlichem Rundfunk sind. Man könnte ja eine Gebührenobergrenze definieren.

Schäferkordt: England geht diesen Weg gerade, aber dieser Aspekt greift aus meiner Sicht zu kurz. Denn ein Gebührenvolumen zu definieren, heißt noch lange nicht, dass damit auch ein Auftrag erfüllt wird. Es ist höchste Zeit, dass sich die Politik über einen Regulierungsrahmen der konvergenten Medienwirklichkeit Gedanken macht. Dafür muss sie sich darauf besinnen, welche Ziele mit dem System erreicht werden sollen, anstatt nur hin und wieder an einzelnen Stellschrauben zu drehen. Aus den Zielen lassen sich dann die relevanten Themen ableiten. Wie gewährleiste ich Schutz für Kreativleistungen in der digitalen Welt? Wie garantiere ich den Zugang von journalistischer Information ins Netz? Wem gehören Frequenzen? Welche Rolle soll der Rundfunk neben den Online-Angeboten spielen? Was ist der konkrete Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Vielleicht taugt die BBC auch hier als Vorbild. Ihr Ansatz lautet: "Less is more", weniger ist mehr.