Honecker-Darsteller "Auch Honecker hat das Recht, als Mensch gezeigt zu werden"

Margot Honecker (Johanna Gastdorf) wacht eisern darüber, dass kein Fotograf kompromittierende Bilder von ihrem Mann Erich (Martin Brambach) machen kann.

(Foto: Frederic Batier/dpa)

Am Dienstag zeigt die ARD den Film "Willkommen bei den Honeckers". Hauptdarsteller Martin Brambach erklärt, wie man das macht, einen Überzeugungstäter wie Honecker zu spielen.

Protokoll von David Denk

Martin Brambach gehört zur ersten Riege deutscher Schauspieler. Seine Spezialität sind Männer, die man "Verlierer" nennen könnte. Für seine Leistung in Der Fall Barschel und Wellness für Paare bekam er 2017 den Deutschen Fernsehpreis. In Willkommen bei den Honeckers (Buch: Matthias Pacht; Regie: Philipp Leinemann) verkörpert der 49-Jährige nun den greisen Erich Honecker. Wie spielt man das? Brambach selbst gibt Auskunft:

"Als mir angeboten wurde, Erich Honecker zu spielen, war mein erster Gedanke: Welcher ältere Kollege hat denn da abgesagt? Schließlich bin ich selbst noch keine 50 und Honecker ist zum Zeitpunkt der Filmhandlung schon ein gebrechlicher Mann in seinen Achtzigern. Aber mein zweiter Gedanke war: Gott sei Dank hat der Kollege abgesagt! Was für eine reizvolle Spielaufgabe! Wobei es mich schon sehr interessiert hätte, wie etwa ein Michael Gwisdek Honecker dargestellt hätte, der ihn ja deutlich länger bewusst erlebt hat als ich.

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Als DDR-Staatschef und Motor des Mauerbaus hat Honecker kräftig Schuld auf sich geladen. Aber im Film verkörpere ich ihn eben nicht nur als zeitgeschichtliche Figur, sondern auch als alten Mann, der - auch wenn sich mein Mitleid in Grenzen hält - gutgläubig auf einen Reporter hereinfällt, der ihn zu seinem letzten Interview überredet. Das glaubhaft zu spielen - wie geht der, wie sitzt der, wie spricht der? -, war eine große Herausforderung. Für die Rolle wurden mir zum ersten Mal die Haare gefärbt. Die Kostümabteilung hat auch noch das Pullover-Modell aufgetrieben, das Honecker auf dem berühmten Foto mit der gereckten Faust trug.

Mehr als eine Witzfigur mit Fistelstimme

Zur Vorbereitung habe ich mir ein Interview angeschaut, das er der ARD kurz nach der Wende in Moskau gegeben hat. Befremdet hat mich, wie Honecker davon ausgeht, zu seiner Tochter nach Chile ausreisen zu dürfen - aus humanitären Gründen! Der Mann, der Landsleute unter Waffengewalt davon abgehalten hat, die DDR zu verlassen, gesteht sich selbstverständlich zu, was er anderen über Jahrzehnte verwehrt hat. Ich selbst bin 1984 aus Abenteuerlust in den Westen ausgereist. Gefehlt hat es mir in der DDR als Sohn einer Theaterfamilie an fast nichts - außer an Bewegungsfreiheit. Doch als ich erst mal da war, habe ich mich zuerst sehr fremd gefühlt. So fremd, dass ich nur für meine Freunde drüben gelebt habe. Ich schickte ihnen Schallplatten und Bücher, lauter Dinge also, an die normale DDR-Bürger nicht herankamen, die politische Elite aber schon.Ich glaube schon, dass Honecker ein Überzeugungstäter war, der bis zum Schluss an den Kommunismus geglaubt hat, aber zugleich von seiner Macht korrumpiert wurde, ohne es zu merken. Damit will ich nichts beschönigen, doch hat auch Honecker das Recht, als Mensch gezeigt zu werden und nicht bloß als Feindbild. Wie man jemandem das absprechen kann, habe ich schon in der Diskussion über Hitler in Der Untergang nicht verstanden.

Auch von Honecker haben alle ein Bild im Kopf, die meisten das einer Witzfigur mit naivem Kommunismusbegriff und Fistelstimme. Um zu vermeiden, dass es eine Karikatur wird, habe ich mich intensiv mit seinem Dialekt beschäftigt: Honecker sprach ja eine sehr eigentümliche Mischung aus Saarländisch und Sächsisch.

Amerikanische Schauspieler haben oft ein Jahr Vorbereitungszeit, ich hatte nur sehr wenig Zeit. Ich bin einverstanden mit dem Ergebnis, aber es wurmt mich natürlich, dass ich diese Rolle nicht so intensiv ausarbeiten konnte, wie ich es immer versuche: Je mehr Zeit, desto genauer kann man sein. Andererseits haben sowohl Produktionsfirma als auch ich absolut alles gegeben."

Willkommen bei den Honeckers, ARD, Dienstag, 20.15 Uhr.

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