Presseschau zu Bundespräsident Wulff "Geht Merkel auf Distanz, dann kann er sich nicht mehr halten"

Frankfurter Neue Presse: "All das bisher vorliegende zumindest führt nicht zwingend zum Rücktritt. Wenn Wulff nicht will, kann ihn ohnehin keiner zwingen. Er ist von der Bundesversammlung gewählt und kann nur aus eigenem Antrieb demissionieren. Es wäre zwar kaum vorstellbar, dass er trotz anhaltenden Medienfeuers und vielleicht irgendwann eintretenden Distanz seines politischen Lagers ein starker Präsident bliebe. Aber eine politische Unperson wie Adolf Sauerland, Duisburgs gemiedener OB, würde Wulff kaum werden. Und selbst Sauerland ist noch im Amt. Also letztlich hat Wulff es selbst in der Hand, wie viel er (er)tragen will."

Nürnberger Nachrichten: "Christian Wulffs politisches Schicksal hängt ausschließlich von der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden ab. Geht Angela Merkel zu ihm auf Distanz, dann kann er sich nicht mehr länger als ein paar Tage halten. Er sollte sich auf ihre bisherigen Vertrauensbekundungen nicht allzu sehr verlassen. Die Kanzlerin verfügt über ein sehr feines Sensorium, wann ihr ein Parteifreund mehr schadet als nützt. Ist der Punkt erreicht, dann wird der Betreffende fallengelassen. Und sei es auch der Bundespräsident."

Kieler Nachrichten: "Der Präsident soll Hüter der Verfassung sein, mithin auch für die Freiheit der Presse einstehen. Sollte der erste Mann im Staate tatsächlich auf diese dreiste Weise interveniert haben, wäre die Entgleisung unverzeihlich und ein Abtritt unausweichlich. Sein allgemeines Bekenntnis zur Bedeutung der vierten Gewalt hilft da nicht weiter. Wer mag Wulff das noch abnehmen? Ein Bundespräsident muss auch in schwieriger Lage Haltung bewahren. Dass er gegenüber dem Hause Springer derart die Contenance verlor, ist nur Beleg dafür, wie viel Sprengstoff Wulff selbst in der Affäre um seinen Hauskredit sieht."

ARD (Berlin): "Wer es ernst meint mit der Pressefreiheit, sollte jedoch nicht mit Klagen und Boykott drohen, wie Wulff es offenbar gegenüber der Bild-Zeitung getan hat. Eine Aussprache zwischen Wulff und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann soll es gegeben haben. Doch dementiert wurde die Drohung nicht. Deshalb bleibt die Frage: Wie souverän ist ein Bundespräsident noch, der so hilflos agiert? Nein, es ist nicht die Kritik, die das Amt beschädigt, es ist das merkwürdige Verhalten Christian Wulffs."

ZDF (Mainz): "Wenn das Telefonat so stattgefunden hat, wie mehrere Zeitungen berichten, dann zeigt sich darin ein ängstlicher, befangener Mensch, der mit Angriffen alles andere als souverän umgeht - und in so einer Situation auch keinen Nerv hat für die Pressefreiheit. Letzteres wiegt besonders schwer bei einem Bundespräsidenten, der ja die Verfassung und die darin festgeschriebenen Grundrechte glaubwürdig vertreten soll."

Neue Osnabrücker Zeitung: "Wulff offenbart ein Macht-, Selbst- und Politikverständnis, das ihn und sein Amt weiter beschädigt. Offensichtlich ist jetzt aber auch die Zeit der Moralisten und Hinterbänkler angebrochen, die sogar Wulffs Rücktritt fordern. Deutschland muss es wirklich gut gehen, dass es sich Debatten dieser Art leistet. Schaut man auf die aktuellen Korruptionsvorwürfe gegen den französischen Präsidenten Sarkozy, sollte ein Raunen durch das Land gehen: ein Kredit, der dem Niedersächsischen Landtag noch immer keinen Untersuchungsausschuss wert ist, mehr ist da nicht? Es wird Zeit, dass Wulff vom Getriebenen wieder zum Handelnden wird. Der zehnte Bundespräsident hat alle Optionen."

Nordsee-Zeitung (Bremerhaven): "Nun auch noch das. Ein ganz persönlicher präsidialer Wutanruf auf den Anrufbeantworter des Bild-Chefredakteurs, Drohungen mit dem Rechtsanwalt und mit dem medialen Bruch, falls die Kredit-Story veröffentlicht werde - das ist auf Niveau Berlusconi. Das ist unterste Schublade, jedenfalls in Deutschland und für dieses Amt. Ein sehr guter Präsident wird bewundert. Ein guter genießt Autorität. Ein mittelmäßiger wenigstens noch Respekt, und sei es bloß vor dem Titel. Was aber bleibt von und für Bundespräsident Christian Wulff?"

Main-Post (Würzburg): "Eines ist unabdingbar: Integrität, Seriosität. Andauernde Zweifel an den Wertmaßstäben des Präsidenten beschädigen das Amt mehr als ein weiterer Rücktritt eines Amtsinhabers. Das müssen die bedenken, die Wulff auf den Schild gehoben haben, voran die Kanzlerin. Und die, die dann eine Staatskrise heraufziehen sehen. Denn wie so oft gilt auch hier: Ein Ende mit Schrecken ist allemal besser als ein Schrecken ohne Ende."

tageszeitung (Berlin): "Wulff ist nicht der Einzige, bei dem der Verdacht der Bigotterie naheliegt. Die Bild-Chefredaktion teilte am Montag mit, Wulff habe sich zwei Tage nach seinem Anruf bei Diekmann entschuldigt, deshalb habe die Zeitung nicht berichtet. Dennoch bleiben viele hochinteressante Fragen offen. Warum gelangt eigentlich eine solche Nachricht aus einer persönlichen Mailbox an andere Zeitungen? Wörtliche Zitate des Präsidenten inklusive? Warum passiert das erst drei Wochen nach dem Anruf? Zu einem Zeitpunkt, als die Aufregung um die Kreditaffäre bereits abgeflaut ist? Auf diese Fragen antworten bedauerlicherweise weder Diekmann noch die Springer-Pressestelle. Wie schade, dabei ließe sich einiges bereden: Wie ein Medium über Bande spielt, wenn es sich selbst nicht die Finger schmutzig machen will, zum Beispiel. Oder wie es eine Affäre strategisch am Kochen hält. Ein gewisses Unbehagen bleibt deshalb. Denn im Zweifel rennen wir, die anderen Journalisten, hinterher."