Pressefreiheit in Eritrea "Viele nennen es das afrikanische Nordkorea"

Der eritreische Journalist Amanuel Ghirmai arbeitet seit 2010 für den Exil-Sender Radio Erena.

Nirgends auf der Welt steht es laut Reporter ohne Grenzen schlechter um die Pressefreiheit als in Eritrea. Ein Gespräch mit dem Exil-Journalisten Amanuel Ghirmai über "das große Gefängnis", zu dem dieses Land geworden ist, und was den Menschen außer dem privaten Gespräch noch bleibt.

Von Irene Helmes

Die Einschätzung ist verheerend: Wie schon in den vergangenen fünf Jahren, setzt "Reporter ohne Grenzen" Eritrea auch für 2012 wieder auf den letzten Platz seiner Rangliste der Pressefreiheit, die heute veröffentlicht wurde. Nirgendwo sonst auf der Welt sieht die Organisation insgesamt schlechtere Bedingungen für Journalisten.

Im Gegensatz zu anderen Negativbespielen wie Syrien, Nordkorea oder China wird das kleine ostafrikanische Land ansonsten international kaum beachtet. Wenige engagieren sich dafür, die Situation zu ändern, darunter die Exil-Station Radio Erena, die seit 2009 aus Paris sendet. Dort arbeitet seit 2010 auch der Journalist Amanuel Ghirmai. Er hat Eritrea wie viele Landsleute vor einigen Jahren aus politischen Gründen verlassen und versucht nun - unterstützt von Reporter ohne Grenzen - unabhängige Informationen in seine Heimat zu bringen.

SZ.de: Wie erklären Sie jemandem, der nichts über Eritrea weiß, die Situation der Pressefreiheit im Land?

Amanuel Ghirmai: Wir sind Anfang der neunziger Jahre von Äthiopien unabhängig geworden, aber entstanden ist eine Diktatur. 2001 hat Präsident Isayas Afewerki alle festnehmen lassen, die gegen ihn waren, auch Journalisten - und seither ist Eritrea ganz unten.

Was macht die Lage in Eritrea noch schlimmer als etwa in Staaten wie Nordkorea oder Konfliktherden wie Syrien?

Viele nennen Eritrea tatsächlich das afrikanische Nordkorea. Wir haben keine privaten Medien im Land. Es gibt genau einen Fernsehsender, einen Radiosender und eine Zeitung - und die gehören der Regierung. Die Menschen haben kein Recht darauf, ihre Meinung auszudrücken. Es ist ein abgeschottetes Land, wir nennen es ein großes Gefängnis.

Was versuchen Sie mit Ihrem Exil-Radio auszurichten?

Wir glauben, dass die Menschen Bescheid wissen sollten. Es gibt viele abgelegene Dörfer, die gar nicht wissen, was in der Regierung vor sich geht. Information könnte ein Schritt zur Veränderung sein.

Wie sieht Ihr Programm genau aus?

Wir senden täglich aktuelle Nachrichten, es gibt Politik, Wirtschaft, Soziales. Wir befassen uns aber auch mit Alltagssorgen von Eritreern und besonders viel sprechen wir über die Flüchtlinge. Wissen Sie, in Eritrea leben nur etwa vier Millionen Menschen und extrem viele verlassen das Land: Es gibt zehntausende, hunderttausende eritreischer Flüchtlinge in Somalia, Äthiopien, Sudan, Israel und so fort. Das sollte nicht so sein! Mit all diesen Themen befassen wir uns.

Wie beeinflusst Ihre persönliche Geschichte Ihre Arbeit als Exil-Journalist?

Anfangs habe ich in Eritrea für das Informationsministerium gearbeitet - ich hatte keine Wahl, da es keine privaten Medien gab. Also habe ich nach dem Uni-Abschluss dort angefangen. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich einem Diktator diene. Als Journalist war das für mich unerträglich und ich habe das Land verlassen. Bei Radio Erena in Paris habe ich nun das Gefühl, meinen Beruf in ethisch angemessener Weise auszuüben und damit den Interessen der Menschen zu dienen.

Zum sechsten Mal in Folge setzt Reporter ohne Grenzen Eritrea auf den letzten Platz bei der Pressefreiheit - sehen auch Sie persönlich denn überhaupt keine Verbesserung?

Es wird im Gegenteil immer noch schlimmer. Es ging damit los, dass Journalisten ins Gefängnis kamen. Inzwischen verlassen immer mehr von uns das Land und gehen ins Exil. Das zeigt doch, dass es noch weiter bergab geht.

Wie schaffen Sie es, Kontakt zu Menschen in Eritrea zu halten?

Der Internetzugang in Eritrea ist sehr beschränkt, Telefonanrufe nach innen und nach außen werden kontrolliert. Es ist sehr schwer, aber wir schaffen es, wenigstens ein paar Informationen aus dem Land zu bekommen. Telefonisch geht das zwar nicht, aber es gibt noch ein paar andere Möglichkeiten, das Internet ist eine davon.

Das Internet ist besonders im Arabischen Frühling als Chance für Freiheit gesehen worden.

In Eritrea trifft das nur bedingt zu. Für die Diaspora schon, also für die Eritreer im Exil. Aber im Land selbst ist der Zugang eben extrem eingeschränkt. Soziale Online-Netzwerke sind hier also schwierig zu schaffen. Aber es gibt auch eritreische Wege.

Was meinen Sie damit?

Eritreer teilen sich einander mit, wenn sie sich treffen, etwa bei Hochzeiten und Beerdigungen. Das sind Gelegenheiten, um über die aktuelle Situation zu sprechen. Versammlungen sind nicht vorgesehen, und in Eritrea gibt es kein Demonstrationsrecht. Aber bei privaten Feiern unterhalten sich die Menschen, auch darüber, was in der Regierung vor sich geht. Aus solchen Gesprächen könnte irgendwann vielleicht eine Rebellion werden.

Die persönlichen Gespräche sind also momentan fast das Einzige, das bleibt?

Fast das Einzige, ja. Zusammen mit den wenigen Möglichkeiten über das Internet und Programmen wie Radio Erena, gesendet über Kurzwelle und Satellit. Auch unsere Übertragungen hat die Regierung im letzten August massiv zu stören begonnen. Seit Beginn diesen Jahres erreichen wir unsere Hörer aber wieder durch einen anderen Provider und eine neue Frequenz.

Ist es frustrierend für Sie, wenn die internationale Aufmerksamkeit nur einmal im Jahr auf Eritrea fällt, weil es wieder das Schlusslicht im Ranking ist?

Um ehrlich zu sein: ja. Wir finden, dass das Land in einer anderen Lage sein sollte, besonders mit den Voraussetzungen, die wir einmal hatten.

Woher könnte in den nächsten Jahren am ehesten Hoffnung kommen - von innen oder von außen, etwa von externen Medien wie Radio Erena?

Wir von Radio Erena sind nicht die Opposition. Unsere Rolle ist es nur, die Bevölkerung zu informieren. Information kann natürlich ein Mittel sein. Aber wir glauben, es wäre gut für die Souveränität des Volkes, wenn die Veränderung von innen käme. Es gibt tatsächlich Hoffnungsschimmer, vor einigen Tagen hat uns die Nachricht erreicht, dass das Militär das Informationsministerium übernommen und unter anderem die Freilassung der politischen Gefangenen gefordert hat.

Was wird die nächste Sendung sein, die Sie heute nach Eritrea senden?

Wir werden über die Ereignisse vom 21. Januar in Asmara sprechen, über die rebellischen Signale von Seiten der Armee. Wir werden also darüber berichten, was wir von dort hören und wie sich die Leute im Exil dazu verhalten. Wir waren die ersten, die diese Nachricht hatten. Wir können natürlich nichts Näheres über unsere Quellen preisgeben, aber sie sind für uns verlässlich, und wir versuchen diese Informationen nun weiterzugeben.

Nicht jeder hält etwas von Rankings wie dem Pressefreiheits-Index der Reporter ohne Grenzen. Was sagen Sie zu Kritikern, die anzweifeln, dass die Lage für Journalisten in Eritrea noch schlimmer sein soll als in Ländern wie Syrien oder Nordkorea, dass man derlei überhaupt auf diese Art vergleichen kann?

Wenn die Kritik von der Regierung in Asmara käme, würde ich sagen: Öffnet euch und lasst Kontrollen zu. Lasst uns wenigstens wissen, wer in den Gefängnissen ist und wer dort gestorben ist. Wer in Eritrea ins Gefängnis kommt, den dürfen nicht einmal die Verwandten besuchen. Von vielen wissen wir nicht, wo sie geblieben sind. Wenn die Kritik aus dem Ausland kommt, würde ich sagen: Versucht es doch selbst. Versucht nach Eritrea zu gehen und dort über irgendetwas zu berichten. Ihr werdet die Antwort bekommen, direkt von der Botschaft.