Pressefreiheit in der Türkei "Schlag gegen den unabhängigen Journalismus"

Binnen fünf Jahren hat sich die Zeitung "Taraf" zum wichtigsten Investigativ-Medium der Türkei entwickelt. Sie sorgte dafür, dass Generäle vor Gericht und ins Gefängnis mussten, sie war Partner von Wikileaks. Zuletzt richtete "Taraf" ihren Stachel immer öfter gegen Premier Erdogan - nun gibt der Chefredakteur auf.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Türkische Journalisten trauern um eine Zeitung, die noch immer täglich erscheint, und doch bereits "eine lebende Tote ist". Erst vor fünf Jahren wurde Taraf gegründet, die Zeitung entwickelte sich rasch zum wichtigsten Investigativ-Medium der Türkei. Sie sorgte dafür, dass Generäle wegen Putschplänen vor Gericht und ins Gefängnis mussten. Zuletzt richtete sie ihren Stachel immer öfter gegen Premier Tayyip Erdogan, dem Chefredakteur Ahmet Altan unumwunden Selbstherrlichkeit vorwarf. Der Regierungschef klagte persönlich gegen den Kommentator, der daher erst jüngst wieder 15.000 Lira (6437 Euro) Strafe zahlen musste.

Nun hat Altan, einer der prominentesten Autoren des Landes, sich von seiner Zeitung verabschiedet: "Ich habe ein fantastisches Abenteuer erlebt, zwischen Komödie und Tragödie", aber jede Geschichte habe ein Ende, schrieb der 62-Jährige in einer Abschiedskolumne. Er wolle künftig wieder Romane schreiben. Diese Begründung glauben weder Altans Freunde noch seine Gegner, zumal mit ihm auch seine Stellvertreterin Yasemin Congar und andere prominente Autoren das Blatt verlassen haben. "Dies ist ein Schlag gegen den unabhängigen Journalismus in der Türkei", sagte Yavuz Baydar, Autor und Ombudsmann der Zeitung Sabah, der SZ.

Keine Steine auf den Verleger

Taraf war von unabhängigen Journalisten gegründet worden. Der Verleger Basar Arslan gehört nicht zu den Großen der Branche. Die sind fast alle auch in anderen Geschäften aktiv - von der Bau- bis zur Bankwirtschaft. Das schafft Abhängigkeiten von Staat und Regierung. Taraf soll zuletzt wegen seines Kurses in immer größere finanzielle Schwierigkeiten geraten sein. Keiner der Ausgeschiedenen wirft nun Steine auf den Verleger. Altan preist vielmehr dessen "Mut".

Auch Journalisten anderer Zeitungen berichten vom Druck der Regierung. Bei großen Medien mussten ebenfalls bekannte Autoren ihren Hut nehmen. Taraf war nie ein Massenblatt (aktuelle Auflage: 51.000, zum Vergleich Hürriyet: 423.000), aber als Wikileaks einen türkischen Partner suchte, fiel die Wahl sofort auf Taraf. Bei Konfliktthemen kritisierte Taraf häufig beide Seiten, zum Beispiel die türkische Kurdenpolitik ebenso wie die militante kurdische PKK. Ein Hürriyet-Kolumnist schrieb : "Taraf war niemandem lieb." Genau so soll eine Zeitung sein.