Panama Papers Das ist das ICIJ

Blick in Büroräume des ICIJ in Washington

(Foto: dpa)

Das International Consortium for Investigative Journalists - kurz ICIJ - hat die Panama-Recherche koordiniert. Wer bezahlt es? Und wie frei sind die Reporter?

Von Kathrin Werner, New York

Dieser Fall war wie gemacht für das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Ohne die Reportervereinigung, sagt ihr Chef Gerard Ryle, hätten die Leser der Welt erst im Jahr 2025 erfahren, was alles in den Panama Papers steht - wenn überhaupt. "Für eine einzelne Zeitung wäre es unmöglich, den gewaltigen Datenberg allein gründlich auszuwerten", sagt Ryle. "Selbst mit dem besten vorstellbaren Korrespondentennetzwerk würde es zehn oder 15 Jahre dauern und könnte nie die gleiche Tiefe haben."

Das ICIJ ist ein kleiner Verein mit Sitz in Washington, er wurde 1997 gegründet. In einer Zeit, in der das Leben und die Wirtschaft und damit auch die Skandale globalisierter werden, müssen auch die Recherchen global sein, glauben die knapp 200 Journalisten aus 65 Ländern, die Mitglied in dem Netzwerk sind und gemeinsam an Rechercheprojekten arbeiten. Aus Deutschland sind die SZ-Investigativreporter Hans Leyendecker, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer, die NDR-Journalistin Julia Stein sowie Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und SZ Mitglieder.

Das ICIJ ist Spezialist für große Datensätze. Für das Konsortium arbeiten nicht nur Journalisten, sondern auch Computerexperten, die Dateien verschiedenster Formate elektronisch zugänglich machen, man kann sie dann zum Beispiel mit Stichworten durchsuchen. Sie bauen einen sogenannten virtuellen Newsroom, stellen also alle Dokumente auf geschützte Server, die Journalisten dann in ihren Büros aufrufen können. "Es ist von Natur aus schwer für einzelne Mediengruppen, über globale Netzwerke jeder Art - und insbesondere Finanznetzwerke - zu berichten. Das ICIJ antwortet mit einem eigenen globalen Netzwerk", schreibt das Magazin Columbia Journalism Review. "Gemeinsame Anstrengungen haben mehr Durchsetzungskraft gegen den Widerstand von Regierungen oder Konzernen in den Ländern."

Das ICIJ deckt bereits seit Jahren globale Skandale auf, etwa über Schmuggel von Tabakkonzernen, illegalen Fischfang, den Handel mit Leichenteilen oder den Einsatz privater Söldnerfirmen in Kriegen. Weltweit bekannt wurde das Konsortium durch das Projekt Offshore-Leaks, als Ryle, ein preisgekrönter Recherchejournalist aus Australien und seit 2011 Direktor der Gruppe, Daten aus Steueroasen zugespielt wurden, die 160 Mal umfangreicher waren als die Wikileaks-Akten. Es folgten weitere Berichte über internationale Geldverschiebungen und Steueroasen, darunter die LuxLeaks und die Swiss-Leaks.

Gesamtbudget lag bei rund 1,8 Millionen Dollar

Das ICIJ finanziert sich komplett über Spendengelder. Es ist ein Projekt des Center for Public Integrity, einer gemeinnützigen Organisation in den USA, die Machtmissbrauch und Korruption aufdecken will, dem ICIJ aber kein Geld überweist. Im vergangenen Jahr lag das Gesamtbudget von Ryles Gruppe bei rund 1,8 Millionen Dollar. Er hat elf Mitarbeiter, für Großprojekte wie die Panama Papers engagiert er zusätzliche Freiberufler, unter anderem Journalisten, die am Ende die Texte schreiben und Erklärvideos drehen, die das ICIJ selbst veröffentlicht. Die Journalisten aus dem Netzwerk werden weiterhin von ihren Medienhäusern bezahlt.

Zu den Großspendern des ICIJ zählen die Adessium Foundation der niederländischen Familie van Vliet, die ihr Geld mit Asset Management, also Finanzdienstleistungen, verdient hat, das Pulitzer Center on Crisis Reporting, das unter anderem Geld von der Publizistenfamilie Pulitzer bekommt, und die Stiftung der Autobauerfamilie Ford.

Einer der größten Unterstützer ist seit Jahren die Open-Society-Stiftung des Multimilliardärs George Soros. Sie gibt dem ICIJ gut ein Drittel des Gesamtbudgets. Soros ist umstritten: Der 85-jährige Hedgefonds-Manager hat sein Geld mit Finanzspekulationen verdient, eine seiner legendären Wetten auf das britische Pfund brachte einst eine ganze Währung ins Taumeln. Seine üppigen Spenden und kapitalismuskritischen Reden haben ihn schon vor Langem zum Hassobjekt der Konservativen gemacht. Soros habe sich nie in seine Arbeit eingemischt, sagt Ryle. Soros wisse noch nicht einmal genau, was seine Stiftung finanziere. Nach der Enthüllung der LuxLeaks sei er in das Büro seiner Stiftung marschiert und habe angeregt, das ICIJ zu finanzieren. "Tun wir doch längst", antworteten seine Leute, erzählt Ryle.

"Die Spender haben keinerlei Einfluss auf unsere Arbeit"

Fast alle Geldgeber kommen wie Soros aus der Industrie und Finanzwelt. Es gibt deshalb Kritik an der Unabhängigkeit des ICIJ. "Die Spender haben keinerlei Einfluss auf unsere Arbeit", entgegnet Ryle. "Wir haben uns ganz bewusst entschieden, kein Geld von jemandem zu nehmen, der uns sagen will, was wir tun oder lassen sollen." Das ICIJ sei frei bei der Themenwahl und akzeptiere kein Geld von Spendern, das an ein bestimmtes Schwerpunktthema wie Umweltschutz gebunden sei: "Große Medienhäuser würden nicht mit uns arbeiten, wenn wir eine Mission hätten."

Auch Geld von Regierungen oder regierungsnahen Organisationen nehme er nicht an, sagt Ryle. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hatte das ICIJ in der vergangenen Woche bei Twitter attackiert: Es "untergräbt die Integrität", wenn Enthüllungen von den USA finanziert würden, die sich gegen Politiker richteten wie Wladimir Putin, die den USA nicht genehm seien. Laut Wikileaks hätte die US-Entwicklungshilfeagentur Usaid sowie die von Usaid subventionierte Journalistengruppe Organized Crime and Corruption Reporting Project die Enthüllungen finanziert und organisiert. "Das stimmt einfach nicht", sagt Ryle. Wikileaks stört, dass die ICIJ-Journalisten anders als die Enthüllungsplattform die Daten nicht komplett ins Internet stellen, um die teils sensiblen und persönlichen Daten zu schützen.

Das ICIJ schreibt den Journalisten nicht vor, wie sie über die gemeinsam recherchierten Daten berichten. Das Konsortium stellt nur die Hilfsmittel zur Verfügung, vor allem die Datenbanken und den Kontakt zu Kollegen weltweit - und setzt ein paar Regeln: So wird von allen erwartet, ihre Ergebnisse zu teilen, außerdem gibt es eine Sperrfrist. Der festgelegte Veröffentlichungstermin ist wichtig, damit aus der Zusammenarbeit kein Wettrennen wird, sondern eine gemeinsame Recherche. "Wir sind nur Schiedsrichter", sagt Ryle.

Die Panama Papers haben fast 400 Journalisten aus mehr als 80 Ländern ein Jahr lang recherchiert. "Seit die Geschäftsmodelle für Journalismus bröckeln und die Redaktionen sparen müssen, sind wir umso wichtiger", sagt Ryle. "Wir machen intensive Recherchen billig."