Löw-Interview Geständnisse eines Echthaar-Heteros

Ein solches Interview hat Bundestrainer Joachim Löw noch nie gegeben: Schmeichelhafte Fragen nach seinem Werbepartner und seinem tollen Aussehen - und dann noch zu den Gerüchten über Toupets und Homosexualität. Die Antworten: völlig überraschend.

Eine Textkritik von Jürgen Schmieder

Eines vorneweg: Joachim Löw ist nicht schwul! Und noch etwas: Er trägt auch kein Toupet! Wer diese beiden Sachen über der Trainer der Nationalelf bislang nicht wusste, der weiß sie jetzt - weil Löw höchstselbst sie verraten hat, exklusiv im wahrscheinlich besten Interview des Jahres. Jeder Fan der Nationalelf - ach was, seien wir ehrlich - jeder Mensch auf Erden sollte dieses Glanzlicht lesen, weil es zeigt, dass es auch in diesen trüben, unfreundlichen, gewalttätigen Zeiten noch so etwas gibt.

Um Löw diese erstaunlichen Kenntnisse zu entlocken, musste die Interviewerin freilich behutsam vorgehen - ihre Strategie könnte ein Lehrstück für junge Journalisten sein, wie sie mit einem gefragten Promi umgehen müssen, um ihm die dunkelsten Geheimnisse zu entlocken.

Erst ein paar Komplimente ("Herr Löw, Deutschland liebte Sie auf Anhieb", "Sie bekommen sicher viele Liebesbriefe von Frauen", "Sie sehen einfach verdammt gut aus"), mit denen sie auch in anderen Interviews (zu Carsten Maschmeyer: "Wahnsinnsweinkeller. Herr Maschmeyer!", zu Lothar Matthäus: "Sie sehen auch gut aus.", zu Nadja Swarowski: "Sapperlot, toll sehen Sie aus, Frau Swarowski.") die prominente Seele derart gestreichelt hat, dass sie quasi nichts anderes kann als fröhlich herumzubaumeln.

Wer nun einwendet, dass es sich dabei um Schleimerei oder gar Anbiederei handeln möge, der hat von modernem Journalismus so viel Ahnung wie eine Kuh von der Raumfahrt. Es ist eine rhetorische Taktik, die der Rede des Marcus Antonius anlässlich des Mordes an Cäsar ("Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann") nicht unähnlich ist: den Partner umgarnen und Verständnis heucheln, um dann plötzlich zuzuschlagen.

Deshalb schiebt die Kollegin noch ein paar Fragen hinterher, die Löw gefallen dürften. Ein paar Hinweise auf den Kosmetik-Hersteller, für den Löw derzeit wirbt ("Warum jetzt Hautcreme?"), noch ein paar mehr Hinweise auf den Kosmetik-Hersteller, für den Löw derzeit wirbt ("Wir wollten ja auch über Ihren neuen Werbeauftritt reden.") und schließlich noch ein paar mehr Hinweise auf den Kosmetik-Hersteller, für den Löw derzeit wirbt ("Was gehört zu Ihren Pflegeritualen? Erzählen Sie doch mal der Reihe nach - wonach duften Sie?")

Erst danach darf man als Journalist investigativ werden und die provokante Frage stellen - aber nicht unvermittelt, sondern sensibel. Perfekt ausgeführt sieht das so aus: "Es gibt Menschen, Männer übrigens, die behaupten gemeinerweise, Ihr Haar sei gar nicht echt. Es sieht gar nicht so aus, finde ich. Also wenn, dann wäre es echt fantastisch gemacht, dann müsste man hier wirklich Werbung machen dafür. Also, tragen Sie Toupet?"

Weil Löw so perfekt reagiert und das pikanteste Geheimnis in der Geschichte der deutschen Nationalelf verrät ("Das habe ich auch schon gehört. Quatsch."), ist die Gelegenheit günstig, nach ein paar Komplimenten ("Ich spreche mit einem der modernsten, offensten und tolerantesten Männer seit ganz langer Zeit" und "Sie fühlen, Sie erspüren viel, nicht wahr? Sie arbeiten mit viel Gefühl.") und Hinweisen auf den Kosmetik-Hersteller ("Sind Sie immer so cremig wie eine Creme?" und "Nach was duftet ein Sieg?") die entscheidende Frage auszupacken: "Wie auch immer, ich sag's jetzt einfach mal: Sie selbst, Herr Löw, wurden auch schon mal auf die homosexuelle Hälfte gedrängt, weil Sie sich gut anziehen."

Und wieder bekommt man eine Antwort, die die Welt erschüttert: "Ich habe das auch schon gehört. Was soll ich dazu sagen? Es ist wie mit dem Toupet. Auch das stimmt nicht. Fragen Sie gern meine Frau."

Ganz ehrlich: Kompliment! Jeder Journalist sollte dieses Interview ausdrucken, es im Büro aufhängen und vor allem: es niemals vergessen.