Kommentatoren bei Olympia "Geschichte! Das ist Geschichte! Oh mein Gott!"

Zum Heulen: Die deutschen Eishockey-Spieler beim Gewinn des Halbfinals..

(Foto: REUTERS)

Die Eishockey-Kommentatoren bei Eurosport begreifen sich als die größten Fans der deutschen Mannschaft. Über ein nie gehörtes Geschrei.

Von Thomas Hummel

Als die Kanadier im Halbfinale beim Stand von 1:4 ruppig wurden, als sie den Deutschen David Wolf fast ins Krankenhaus checkten und weitere Fouls und Rüpeleien dranhängten, da sagte Gerhard Leinauer: "Jetzt macht ihr euch lächerlich. Aber so kriegt ihr uns nicht. Ehrlich nicht. Spielt weiter in Unterzahl, völlig okay. Kann uns nur recht sein."

"Ihr", das waren in dem Fall die kanadischen Spieler. Und "wir", das waren - äh, ja wer eigentlich?

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Gerhard Leinauer ist Kommentator für den TV-Sender Eurosport. Er berichtet von den Eishockey-Spielen der deutschen Mannschaft bei Olympia, den Part des Experten übernimmt neben ihm auf der Pressetribüne des Gangneung Hockey Centers Patrick Ehelechner, ein ehemaliger Torwart. Die Gemüter der beiden sind gerade in Wallung. Das deutsche Team hat es entgegen allen Vorhersagen geschafft, mit Siegen gegen Schweden und Kanada das Finale zu erreichen. Gegner sind am Sonntag um 5.10 Uhr MEZ die Russen. Es ist der größte Erfolg für das deutsche Eishockey in der Olympia-Geschichte. Leinauer und Ehelechner kommentieren dabei in einer Art und Weise, wie man das in Deutschland so noch nicht gehört hat.

Im Viertelfinale gegen Schweden ging es los. Patrick Reimer schoss in der Verlängerung das goldene 4:3 für Deutschland, der Schiedsrichter prüfte die Szene aber am Bildschirm. Da forderte Leinauer von ihm: "Mach jetzt nicht so einen Zirkus!" Als der Unparteiische dann keinen Zirkus machte und das Tor gab, schrie er zusammen mit Ehelechner ins Mikrofon, was die Stimmen hergaben. "Willst du mich verarschen, ihr seid geile Typen da unten", lautete die Expertise. Beide sangen: "Paaatrick Reimer!" Es folgte rhythmisches Klatschen und wieder "Paaatrick Reimer!" Sie nannten ihn "Gott." Später stellte Eurosport ein Video auf Twitter, das zeigt, wie Leinauer und Ehelechner auf ihren Stühlen stehend der deutschen Mannschaft bei ihrer Ehrenrunde zujubelten.

Feiernde Journalisten auf der Pressetribüne sind nicht neu. In vielen Ländern ist das eher normal. Zuletzt beim Champions-League-Spiel FC Bayern gegen Besiktas Istanbul rumpelte es nach einer vergebenen Chance der Gäste bedenklich, weil türkische Berichterstatter aus Ärger mit den Füßen gegen die Tische traten. In Deutschland war das lange verpönt und wird bis heute häufig kritisch gesehen. Für viele gilt die Weisheit des früheren ZDF-Sportchefs Hanns-Joachim Friedrichs: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört."

In den vergangenen Jahren wurde die Kritik an einem unaufgeregten Stil der Live-Kommentatoren bei Sport-Übertragungen jedoch immer lauter. Gerade bei Fußball-Spielen. Denn ist das nicht pure Emotion? Hängt nicht das Schicksal der Nation dran? In sozialen Netzwerken forderten Fans mehr Gefühle, mehr Erregung. Das, was sie selbst fühlen, sollte bitte auch der Reporter empfinden und zum Ausdruck bringen. Machen doch die anderen auch. Sind die Österreicher nicht lustig, wenn sie mit ihren Skifahrern leiden? Und wer erinnert sich nicht an den Kommentator Gudmundur Benediktsson, der die Erfolge der Isländer bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 mit seiner hohen, krächzenden Stimme bejohlt hat? Er ist dabei selbst ein kleiner Star geworden.

Für Live-Kommentatoren, die Friedrichs Worte ernst nehmen, entsteht so ein fast unauflöslicher Konflikt. Wie viel Distanz ist notwendig? Wie viel kühle Berichterstattung? Wie viel heiße Emotionen sind andererseits erlaubt? Wie viel Hingabe für die heimischen Athleten? Oft lösen die Sender das Problem damit, neben den angestellten Reporter einen "Experten" zu setzen. Meist sind das ehemalige Athleten, für die die Normen und Pflichten des Journalisten nicht gelten. Wobei sich selbst die Experten an deutschen Mikrofonen bislang meist zurückgehalten haben.

Anders Gerhard Leinauer und Patrick Ehelechner. Die beiden lösen das Dilemma damit auf, dass sie es schlichtweg ignorieren. Sie sind Fans. Und machen auch kein Hehl daraus. Damit ist auch klar, wer in der Reportage "wir" sind: Die Kommentatoren, die Fans am Bildschirm, die Mannschaft. Wir zusammen kämpfen um den Sieg. Die totale Vereinigung. Durch die Erfolge angestachelt, schaukeln sich die beiden gegenseitig hoch zu immer neuen Superlativen, überall herrscht "Wahnsinn", alles ist "unfassbar", "unbeschreiblich", "nicht in Worte zu fassen" und natürlich "geil". All das, was normalerweise die Spieler sagen. Und die Fans.

Viele Anhänger loben Leinauer und Ehelechner dafür. Endlich lassen hier zwei Kommentatoren mal die Fesseln fallen und fiebern hemmungslos mit. Gefolgt von abschätzigen Worten Richtung ARD und ZDF, dass sich die Kollegen da mal ein Beispiel nehmen sollen. Anderen hingegen ist es zu viel mit dem Gebrülle und dem Gequietsche und den Superlativen. Denn sollte das nicht den Spielern und Trainern vorbehalten sein? Und den eigentlichen Fans? Eurosport ist damit jedenfalls eines gewiss: Die Reportagen erregen Aufmerksamkeit. Und das ist in der heutigen Zeit oft die wichtigste Währung.

Neutralität ist da eher nicht so bedeutsam. Als der deutsche Spieler Frank Hördler einen Kanadier an der Grenze zur Zwei-Minuten-Strafe wegcheckte, sagten sie: "Schön, auch mal ein Hit." "Ja, das können wir auch." Als kurz vor Schluss ein Deutscher meterweit im Abseits stand und der Schiedsrichter eingriff, rief Leinauer: "Was pfeifst du denn da?" Die Schlusssirene ging im Geschrei unter, angereichert von Piepsen und Krächzen. "We love you!" - "Geschichte! Das ist Geschichte! Oh mein Gott!" Für die Zuschauer zu Hause folgte der Hinweis, dass ihnen auch ein Teil des Erfolgs gehört. Wir sind ja alle wir. Für das Finale am Sonntagmorgen fordern sie ihre Mitstreiter zu Hause auf: "Ihr werdet aufstehen. Und ihr werdet die Energie, die ihr jetzt schon gebracht habt, liebe Fans, weiter hierher schicken. Es hat geholfen." - "Danke an alle zu Hause." Wenig später erschien Patrick Ehelechner mit rot verheulten Augen zum Interview.

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