Im Gespräch: Dominik Graf "Fußball ist viel prosaischer"

64 Spiele werden während der Fußball-WM live übertragen: ein Gespräch mit Regisseur Dominik Graf über die Optik und Ästehtik der Übertragungen im Fernsehen.

Interview: Christopher Keil

Dominik Graf, Regisseur und bekennender Fan des TSV 1860 München, hat alle wichtigen deutschen Filmpreise gewonnen, gerade hat er die zurecht sehr beachtete Serie "Im Angsicht des Verbrechens" ins Fernsehen gebracht. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht er über die Optik und Ästhetik von Fußball-Liveübertragungen, die Bildregie des Fußballs und die Schweigsamkeit der Kommentatoren. Das vollständige Gespräch lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 5. Juni 2010.

SZ: In einer Woche beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Fernsehstühle werden poliert, Bänke gerückt, HD-Fernseher gekauft: Ist Fußball der ideale Fernsehsport?

Dominik Graf: Das fragt man sich vor allem, wenn man nach Jahren wieder einmal live ins Stadion zurückkehrt und entsetzt entdeckt, wie klein der Platz eigentlich ist - wenn man also feststellt, dass man von 20 Jahren Fußball im Fernsehen gucken völlig falsche Dimensionen übernommen hat, weil bei den Übertragungen ganz andere Brennweiten eingesetzt werden als vom normalen Auge, wesentlich kürzere. Die sportliche Leistung wird dadurch vom Eindruck her vergrößert.

SZ: Regen Sie Live-Spiele auf?

Graf: Ich schlafe hin und wieder ein, auch bei als hochwertig angekündigten Spielen. Manchmal finde ich es einfach unglaublich langweilig. In der Vorfreude bin ich allerdings ganz dabei. Bis kurz vor Spielbeginn bin ich hochnervös. In dem Moment, wenn der Ball rollt, macht sich bei mir dann so eine Erschlaffung bemerkbar. Ich schalte oft um.

SZ: Wie werden Sie die WM verfolgen? Die Spiele finden ohne Zeitunterschied statt.

Graf: Bei den vergangenen zwei Weltmeisterschaften bin ich erst nach zwei Wochen richtig eingestiegen.

SZ: Warum?

Graf: Nach 14 Tagen hatte ich mich daran gewöhnt, dass da etwas von allgemeinem Interesse passiert, an dem ich auch teilnehmen möchte.

SZ: Wenn Sie sich die Spiele anschauen, schauen Sie als Fan zu oder achten Sie als Regisseur auf Optik, Bild, Ton?

Graf: Beides.

SZ: Und spielt für Sie eine Rolle, welcher Sender überträgt, das sind in Südafrika ARD, ZDF und RTL beziehungsweise Sky.

Graf: Sky habe ich nicht. Mir fällt nur auf, dass die Kommentatoren im Fernsehen viel schlechter sind als die im Radio. Wenn ich Bundesliga im Radio höre, habe ich das Gefühl, die sind da alle richtig gut. Es könnte daran liegen, dass im Radio das Optische miterzählt werden muss und mehr Emotion in die Stimme gelegt wird. Beim Fernsehen fällt mir nur Marcel Reif ein, der das kann, distanziert und begeistert gleichzeitig. Er ist auch der Einzige, der mal nach 20 Minuten sagt: "Das ist ja ein entsetzlicher Kick". Kommentatoren sind heute offenbar angewiesen, alle Fußballspiele auf irgendeine Weise relativ spannend zu finden, damit die Markenware nicht beschädigt wird. Kapitalismus everywhere.

SZ: Früher sagte ARD-Mann Oskar Klose: "Beckenbauer ... Müller ... Tor." Ist das besser?

Graf: Früher wurde mehr geschwiegen. Aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht haben die früher auch nur nicht gewusst, was sie sagen sollen. Im Fernsehen waren sie in der Kommentierung immer hinterher. Noch etwas fällt mir ein. Wenn man Tour de France schaut und zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und Eurosport hin- und herschaltet, fällt einem auf, wie brutal die Öffentlich-Rechtlichen im Vergleich untergehen. Eurosport hat sehr gute Duos. Alles wirkt spielerischer, sie liefern sehr schnell wichtigen Hintergrund.

SZ: Fußball wird inzwischen sehr aufwendig produziert, da sind oft 20 und mehr Kameras im Einsatz. Bringt die Technik auch einen Mehrwert?

Graf: Es kommen schon Informationen dazu, im Gegensatz zu früher, allerdings in einer Ästhetik, die ganz stark Leni-Riefenstahl-Züge trägt. Als erstmals Kamerakräne eingesetzt wurden, die hinterm Tor hoch und runtergehen, erinnerte mich das sehr an die Sportfotografie à la Berlin 36. Es ist die Heroisierung von körperlicher Leistung durch Kamerabewegung gehobener Klasse.

SZ: Im schnellen Wechsel von Totale, Close-up oder Superzeitlupe entsteht eine Emotionalität durch Bilder, die im Stadion so nicht existiert.

Graf: Haben die nicht bei einer WM angefangen, Nahaufnahmen von der anderen Seite zu zeigen?

SZ: 1998 in Frankreich wurde die Reverse-Angel-Wiederholung eingeführt.

Graf: Völlig verwirrend, das empfinde ich als Fehler.

SZ: Folgt die Bildregie des Fußballs überhaupt Regeln der Filmregie?

Graf: Ich glaube, es wird versucht, das Live-Spiel an die Errungenschaften des hollywoodjanischen Großfilms anzupassen. Alles, was durch seine Hochwertigkeit überzeugen soll, was sich als eventfähig darstellt, muss auch mit diesen optischen Überkleisterungen ausgestattet sein. Es fällt einem schwer, sich heute eine Fußballübertragung von 1966 in ihrer unglaublichen Gelassenheit und Sachlichkeit anzuschauen. Auf der anderen Seite ergreift einen tiefe Sehnsucht, dass das wieder einmal so werden möge anstelle des hektischen Auftriebs mit 37 Kameras. Das, was im Stadion passiert, ist ja auch letztlich eine einfache Einheit von Zeit und Ort, hat Pausen und kennt Langeweile. Und wenn sich links im Strafraum was abspielt, kannst du dich im Stadion nach rechts drehen und schauen: Was geht da hinten ab? Das sieht man leider nie im Fernsehen. Fußball ist viel prosaischer, als er im Fernsehen dargestellt wird. Ich finde die Übermensch- Kamerafahrten total blöd. Das Fernsehen spielt foul play, es überzieht die Dramatik der Spiele.

SZ: Das macht der Film mit seinen Themen häufig auch.

Graf: Und ist in beiden Fällen etwas, was mich nervt. Da fehlt das scheinbar Unwichtige, das Nebensächliche. Was macht denn bitte der Verteidiger, der nicht mit nach vorne rennt? Unterhält der sich gerade mit dem Torwart? Das möchte ich eigentlich auch beobachten. Aber dazu muss ich ins Stadion gehen. Das wird in den Big-Brother-Sportübertragungen nicht gezeigt.

SZ: Was fehlt Ihnen noch?

Graf: Mir fehlt der Anteil von Dorfkick, denn ein Fußballspiel ist auch nur ein Fußballspiel. Wenn daraus ein Spartakus-Monumentalfilm werden soll, okay, aber ohne mich. Insofern: Ja, maximal sechs Kameras und Klose spricht.

SZ: Der Dorfkick ist noch ganz gut in den Blitzinterviews nach dem Schlusspfiff erhalten. Reporter: "Und"? - Profi: "Weiß ich jetzt auch nicht. Pech."

Graf: Gott sei Dank. Wenn die jetzt auch noch anfangen würden, wie Politiker zu formulieren, das würde dem Fußball doch viel von seinem Zauber rauben.

Das vollständige Interview lesen Sie in der SZ vom 5. Juni 2010.

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