Henri-Nannen-Preis: Ehrung aberkannt Die Jury legt nach

Streit um den Henri-Nannen-Preis: "Spiegel"-Redakteur René Pfister hatte gerade erst den begehrten Reportage-Preis erhalten. Nun ist er ihm von der Jury aberkannt worden.

Von Christopher Keil

Mit einer Mehrheitsentscheidung hat die Jury des Henri-Nannen-Preises dem Spiegel-Redakteur René Pfister die Auszeichnung für die beste Reportage ("Egon Erwin Kisch Preis") aberkannt. Das teilte der Stifter des Preises, der Verlag Gruner+Jahr (Stern, Geo), an diesem Montagabend mit. Pfister war am vergangenen Freitag im Hamburger Schauspielhaus für seinen Text über den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer ("Am Stellpult") geehrt worden.

Der Journalist beschreibt darin auf drei Absätzen zum Einstieg, wie der CSU-Vorsitzende im Keller seines Ferienhauses in Oberbayern sein Leben und die Figuren seines Lebens auf einer Spielzeugeisenbahn nachstellt. So dreht zum Beispiel die Bundeskanzlerin in Seehofers Märklin-Welt auf einer Diesellok ihre Runde.

Noch während der Preisverleihung erzählte Pfister, die authentisch wirkende Szene nicht selbst erlebt zu haben. Sie war ihm von Seehofer und Mitarbeitern Seehofers geschildert worden. "Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss", heißt es in einer Erklärung, die die Jury veröffentlichte. Von einer Fälschung könne allerdings keine Rede sein.

In einer eigenen Stellungnahme kritisiert der Spiegel umgehend den Umgang "mit dem untadeligen Kollegen". Völlig unverständlich ist der Spitze des Nachrichtenmagazins offenbar, dass Pfister keine Möglichkeit eingeräumt wurde, sich gegenüber den Juroren in der Sache zu äußern: "In der Vergangenheit sind öfter Geschichten mit dem ,Egon Erwin Kisch Preis' ausgezeichnet worden, die szenische Rekonstruktionen enthielten. Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem", heißt es. Pfister hatte die Rekonstruktion und seine eigene Position aber nicht deutlich gemacht.

Die Frage bleibt, warum die Jury mehrheitlich Pfisters Stück, das ein im Wesen analytisches Politikerporträt ist, überhaupt für den Reportagepreis nominierte und dann auswählte.