"Germany's Next Topmodel" Verhängnisvolle Mädchenstunde

Germany's Next Topmodel: eine eigenartige Mischung aus Glitzerwelt, Zwangsinstitution und Jungmädchensexualität.

(Foto: ProSieben)

Heidi Klum spielt seit 13 Jahren mit dem Traum jugendlicher Frauen vom Beruf als Supermodel. Warum findet sie noch Kandidatinnen - und ihre Fernsehshow Zuschauer?

Von Rainer Stadler

Folge elf geht schlecht los für Trixi und endet kaum besser. Heidi Klum hat erklärt, die Mädchen seien inzwischen zwölf Wochen von ihren Liebsten getrennt. Deshalb wurden sie nun eingeflogen: der Freund von Julianna, die Mutter von Klaudia, die beste Freundin von Christina. Großes Hallo in der Modelwohnung in den Bergen von Los Angeles, einzig für Trixi ist kein Besuch gekommen. Sie wird viel weinen in dieser Folge - als die anderen acht Kandidatinnen ihre Liebsten herzen und knutschen, als sie beim Videodreh ihren Text vergisst, als Heidi Klum sie am Ende aus der Sendung wirft, obwohl sie ihr in den vergangenen Wochen sehr ans Herz gewachsen sei: "Aber es geht hier nicht um Sympathie, sondern es geht um Leistung."

Trixi hätte gewarnt sein können. Vor zwei Jahren saß Fata ähnlich bedröppelt in der Runde, weil weder ihre Mutter noch ihr Freund mit ihren bosnischen Pässen in die USA einreisen durften. Die Kommentatoren im Internet gossen kübelweise Spott über sie aus. Gewarnt hätten auch alle anderen Mädchen sein können: Seit 13 Jahren stellt Heidi Klum ihre wechselnde Mädchenschar vor die immer gleichen Aufgaben, die sie vorgeblich auf einen Beruf vorbereiten, den sie nie ausüben werden. Im Finale am kommenden Donnerstag wird wieder eine "Germany's Next Topmodel" werden. Aber Topmodel ist bisher keine geworden.

Seit der ersten Folge beteuern echte Models, das Fernsehformat habe reichlich wenig mit ihrem Alltag zu tun. Und so taugen Klums wiederkehrende Praxisübungen kaum als Jobtraining: das "Shooting in extremen Höhen", mal im Heißluftballon, mal auf einem Hochhaus, das Unterwasser-Shooting, gern auch mit Haifisch im Becken, ein Ekel-Shooting mit Spinne oder Ratte auf der Schulter.

100 Folgen sind auf der GNTM-Webseite anzusehen, das Archiv geht zurück bis ins Jahr 2009 - offenbar reichte das nicht als Warnung für die Modelanwärterinnen, dass sie aus der Show nicht ohne Beschädigung hervorgehen würden. Dabei dokumentiert jede einzelne Folge mehr oder weniger drastisch, worum es bei Germany's Next Topmodel geht: die Mädchen öffentlich vorzuführen und zu demütigen. Viel Sendezeit erhalten die Mädchen, die besonders hysterisch kreischen, wenn Klum sie mit ein paar gesponserten Klamotten oder Beauty-Produkten beglückt oder gar zur Aids-Gala nach New York mitnimmt. Noch ausführlicher wendet sich die Sendung den Mädchen zu, die unter der Last der gestellten Aufgabe förmlich zusammenbrechen, weil sie ihre Höhenangst, ihre Wasserscheu oder ihren Ekel vor Ratten nicht überwinden können. Gerade in den zerbrechlichsten Momenten ist ihnen die Kamera ganz nah.

Doch diese Shows bieten die unwiderstehlichste aller Drogen: Aufmerksamkeit

Wie kommt es, dass sich immer noch Tausende Mädchen für diese Zumutung bewerben? Warum lassen sich die Kandidatinnen all das bieten? Es sind ja größtenteils Schülerinnen, Abiturientinnen, Studentinnen, die vom Leben mehr zu erwarten hätten als ein Foto von Heidi, das sie in die nächste Runde bringt. Soziologen haben festgestellt, dass den Jugendlichen die Schattenseiten der Castingshows wohl bewusst sind. Aber dafür bieten sie etwas, wonach diese Generation angeblich verlangt wie keine zuvor: Aufmerksamkeit. Der Wiener Kulturtheoretiker Georg Franck konstatiert, die Aufmerksamkeit anderer Menschen sei in unserer zunehmend digitalisierten Welt "die unwiderstehlichste aller Drogen".

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In den Genuss dieser Droge kommt auch Trixi, im Gegenzug für ihre Tränen aus Folge elf. Wieder und wieder schluchzt sie in die Kamera, wie hart diese Tage für sie sind. Am nächsten Tag schreibt die Bild-Zeitung, Trixi dürfe nun den Titel "Germany's Next Heulsuse" tragen. Eher nicht die Art der Aufmerksamkeit, die sich ein 18-jähriges Mädchen erhofft.

Doch was ist mit den mehr als zwei Millionen Zuschauern: Warum schenken sie dem Treiben nach 13 Jahren immer noch ihre Aufmerksamkeit? Die Einschaltquoten sinken zwar, aber auch im Jahr 2018 kann Pro Sieben nach fast jeder Sendung vermelden, man habe mit Germany's Next Topmodel auch diesen Donnerstag wieder die Primetime gewonnen. Warum finden die Zuschauer diese Sendung unterhaltsam, warum haben sie es je getan?

Die meisten sind übrigens Frauen. "Frauen", schrieb Klum in ihrem Ratgeberbüchlein Natürlich erfolgreich, "bereitet es besonders viel Vergnügen, toll auszusehen. Es macht uns frei, körperbetonte Outfits zu tragen, wir ziehen dadurch mehr Männerblicke auf uns; und dass wir uns sexyer fühlen, bewirkt, dass wir uns stärker fühlen." Das Büchlein erschien 2004. Dass Klum seitdem dazugelernt hätte, ist nicht erkennbar. Auch dieses Jahr ließ sie ihre noch nicht oder gerade volljährigen Kandidatinnen wieder in Reizwäsche und kniehohen Lackstiefeln posieren sowie im Bikini unter einer auf einem Lkw-Anhänger durch Hollywood geschleppten Dusche.