Frankfurter Buchmesse Als Linker auf der Buchmesse, als Nazi auf Twitter

Die Proteste bei dem Auftritt von AfD-Mann Höcke drohten, zu eskalieren.

(Foto: picture alliance / Frank Rumpenh)

Von "Nazis" bis "Dunkeldeutschland": Im Netz werden falsche Tatsachen über die Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse verbreitet. Es ist die alte Social-Media-Falle.

Nazis haben auf der Buchmesse gepöbelt und "Sieg Heil"-Rufe skandiert? Mutmaßlich falsch. Zumindest ist es nicht bewiesen. Aber den Eindruck, dass es so gewesen sei, vermitteln mehrere Tweets von der Frankfurter Buchmesse. Zweifelsohne kam es am Samstagabend zu Tumulten, linke und rechte Demonstranten gerieten aneinander, die Polizei musste schlichten. Aber alles, was der erste Satz dieses Textes impliziert, geht auf einen einzelnen Tweet zurück.

Abgesetzt hat den Tweet Nico Wehnemann. Der 34-Jährige ist Stadtverordneter in Frankfurt am Main und Vorsitzender bei der Satirepartei Die Partei. Bei dem Auftritt von AfD-Politiker Björn Höcke am Samstag wollte er gegen Rechtsextremismus demonstrieren. Doch die Situation geriet außer Kontrolle, die Polizei nahm zwei Personen vorläufig fest. Wehnemann beobachtete diese Festnahmen und wollte intervenieren. Dies bekam der Polizei zufolge ein Sicherheitsbeamter mit, der seinerseits einschritt. Das Ergebnis dieses Einschreitens teilte Wehnemann daraufhin in folgendem Tweet:

Fakt ist: Der Mann auf Wehnemann ist kein Nazi, sondern Security-Mitarbeiter der Messe. Aber bis das klargestellt wurde, hatte sich die Angelegenheit verselbständigt. Denn Wehnemanns Tweet griffen der frühere Titanic-Chefredakteur Leo Fischer auf Facebook sowie Jan Böhmermann auf Twitter auf - und verbreiteten so indirekt die Mär randalierender Nazis auf der Buchmesse. Fischer behauptet, "Dutzende Identitäre" hätten "Sieg Heil" geschrien, Böhmermann schreibt vom "Gastland Dunkeldeutschland". Fischers Facebook-Post wurde mehr als 1000 Mal geteilt, Böhmermanns Tweet knappe 700 Mal.

Aber nicht nur im Fall Wehnemann wurde Falsches verbreitet: Im Glauben, einen der rechten Randalierer zu zeigen, verwendeten mehrere Medien das Foto eines Mannes mit Tattoos und Glatze. Auch die SZ publizierte zwischenzeitlich das Foto in Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Tumulte auf der Buchmesse. Aber der Mann gehört dem Branchenportal Meedia zufolge dem antifaschistischen "Black Bembel Block" an und droht auf dem Bild gerade dem Verleger des Antaios-Verlags Götz Kubitschek.

Wehnemann habe nicht daran gedacht, dass sein Tweet eine solche Wirkung entfalten könnte, heißt es auf Meedia.

Jonas Fedders, der den am Boden liegenden Wehnemann sowohl im Bild als auch im Video aufgenommen hatte und Wehnemann das Material zur Verfügung stellte, wollte das auf Twitter klarstellen und schrieb: "Es tut mir leid, ich sehe da etwas anderes." Aber gegen Twitter-Größen wie Leo Fischer oder Böhmermann mit Tausenden Followern verhallte Fedders' Tweet.

Aber die Wehnemann-Geschichte zeigt, wie schnell falsche Informationen weiterverbreitet werden können. Einzelne twittern etwas aus ihrer persönlichen Wahrnehmung heraus, die im Affekt trügen kann, und andere verbreiten diese ungeprüften Wahrheiten weiter. Eine vergleichbare Dynamik entstand etwa, als Münchner nach dem Amoklauf im Sommer vor einem Jahr stundenlang im Ungewissen blieben, was in ihrer Stadt gerade passierte. Es ist die alte Social-Media-Falle. Und in die tappen nicht nur Privatpersonen, sondern auch die Medien.

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