ARD-Film "Aufbruch ins Ungewisse" Festung Afrika

Jan Schneider (Fabian Busch), seine Frau Sarah (Maria Simon, l.) und Tochter Nora Schneider (Athena Strates) hoffen auf ein besseres Leben.

(Foto: Anika Molnár/dpa)

Die Angst vor rechten Machthabern treibt Europäer als unerwünschte Asylbewerber an die Küsten Afrikas - eine geniale Idee. Leider interessiert sich der Film "Aufbruch ins Ungewisse" kaum für seine Figuren.

Von Claudia Tieschky

Die Idee ist absolut genial: Ein Film, der die Verhältnisse auf der Welt so krass ins Gegenteil verkehrt, dass man als Zuschauer zwangsläufig die Perspektive wechseln muss. Das heißt im Fall von Aufbruch ins Ungewisse, dass Europäer als unerwünschte Asylbewerber an den Küsten Afrikas landen, dass sie Schleppern ausgeliefert sind, dass blonde Kinder im Meer ertrinken und die Überlebenden in einem Staat festsitzen, der sie zurückschicken will.

Deutsche und Österreicher müssen sich miesen Schlepperbanden ausliefern, um schließlich traumatisiert in einem mit Stacheldraht gesicherten Camp in Südafrika zu sitzen und als machtlose Bittsteller auf ein Verfahren zu warten.

Der Plot müsste eigentlich eine gewaltige Kraft haben, aber was man sieht, ist ein Lehrstück

"In naher Zukunft", so heißt es im Vorspann, und das muss dann als Erklärung schon fast genügen, hätten Rechtsextreme die Macht in vielen Ländern Europas übernommen. Man sieht die Familienmutter Sarah Schneider (Maria Simon) vor einem demonstrativ futuristischen Plexiglas sitzen, auf dem eine Nachrichtensendung von der Schließung der letzten freien Zeitung berichtet, und Sarah wird, stellvertretend für den Zuschauer, genau in diesem Moment schlagartig klar, wie dramatisch die Lage ist. Ihre plötzliche Erkenntnis kann man wunderlich finden, weil dann ihr Mann Jan (Fabian Busch) blutend nach Hause kommt, der als Anwalt für Regimeopfer kämpft, nun mit seiner Festnahme rechnet, aber schon vorher in Einzelhaft saß, wie man später erfährt. Aber gut.

Jan drängt zur sofortigen Flucht nach Südafrika, und bei Minute 15 des Films steht Sarah an einem apokalyptisch grauen Strand, hat ihren kleinen Sohn im Meer verloren und schreit ihren Mann an. Was sagen sich Eltern in so einem Moment? In diesem Film jedenfalls ruft Sarah: "Ich konnte ja nicht ahnen, dass wir in so einem Wahnsinn enden." Und Jan darauf, weil dem Zuschauer ja schon wieder etwas von der Handlung erklärt werden muss: "Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie uns vor Namibia in dem Scheißboot rauslassen."

Klar, konnte man echt nicht ahnen. Eine recht deutliche Ahnung hat man da allerdings schon: dass dieser Film von der einen Tonlage zu keiner zweiten mehr findet. Aufbruch ins Ungewisse (Regie: Kai Wessel, Buch: Eva Zahn, Volker Zahn, Gabriela Zerhau) will so dringend ein umfassendes Lehrstück sein, dass keine Zeit bleibt, die Figuren auch nur ansatzweise glaubwürdig zu entwickeln. Dabei müsste der Film mit seinem dystopischen Plot eigentlich eine mächtige dunkle Kraft abstrahlen.

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Stattdessen arbeiten sich die Schauspieler sehr ordentlich ab an einem Drehbuch, in dem Verzweiflung zwar ständig inszeniert und behauptet wird, man aber keiner einzigen der dekorativ verdreckten Person gefühlsmäßig wirklich nahekommt. Das liegt mit ziemlicher Sicherheit daran, dass sich der Film auch gar nicht besonders für seine Personen interessiert. Die wurden ganz offenbar bloß zu Illustrationszwecken erschaffen.

Wenn in einer Szene Nora, die Teenager-Tochter der Schneiders, im Camp Freunde findet und mit ihnen nachts aus- und in fremde Häuser einbricht, dann demonstriert das natürlich generell die Perspektivlosigkeit junger Menschen in Flüchtlingscamps. Danach aber hat die Figur Nora ihren Zweck erfüllt, man erfährt nicht mehr viel von ihr. Schließlich müssen ja zum Beispiel auch noch unbedingt folgende Personen auftreten und etwas sagen: Die vergewaltigte Bloggerin, die unermüdlich weiter gegen das Regime schreibt und in der Dusche mit Faustschlägen gegen den Bauch das Kind abtreibt. Der gemütliche Schwule, dessen HIV-positiven Freund man in Deutschland absichtlich sterben ließ und der am Ende abgeschoben wird. Die ältere Frau, die tonlos berichtet, ihr Schwiegersohn sei getötet worden, nur weil er Muslim ist.

Ja, es müssen im Gemeinschaftsraum des Camps auch dringend noch Sätze gesagt werden wie: "Wenn die nicht alle früher zu uns gekommen wären, dann hätte es in Deutschland keine Probleme gegeben." Oder: "Das eigentliche Problem ist doch, dass mittlerweile eine Handvoll Menschen genauso viel besitzt wie der Rest der Menschheit." Kurz hält man es für möglich, dass man gerade in eine ARD-Talkshow geraten ist. So einen Film aber wie den, der Aufbruch ins Ungewisse hätte sein können, so einen Film sollte dringend jemand mal machen. Er wäre ganz von selbst gesellschaftlich relevant.

Aufbruch ins Ungewisse, Das Erste, 20.15 Uhr

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