Ehemaliger "Zeit"-Chef Theo Sommer "Ich habe einen Riesenfehler begangen"

Ex-Zeit-Chefredakteur Theo Sommer bei seiner Gerichtsverhandlung

Fast zwei Jahrzehnte war Theo Sommer Chefredakteur der "Zeit", nun ist er zudem ein verurteilter Steuerbetrüger. Vor Gericht räumt Sommer ein, sich nicht so sehr um Abgabetermine von Steuererklärungen gekümmert zu haben. Um eine Gefängsnisstrafe kommt er aber herum.

Von Marc Widmann

Jetzt ist er also zur Attraktion geworden. Sogar eine Schulklasse wartet vor Saal 192 im Hamburger Amtsgericht, aber die Zuschauerbank ist von Reportern belegt, die Kinder müssen draußen bleiben.

Drinnen im Neonlicht sitzt "Dr. Sommer, Theodor", wie es hier heißt. Fast zwei Jahrzehnte war er Chefredakteur der Zeit, dann Herausgeber, an diesem Tag ist er: der Angeklagte. Geboren am 10.6.1930 in Konstanz? "Das hat alles eine Richtigkeit", sagt Theo Sommer. Die Stimme tief, die Kleidung tadellos wie stets, goldene Knöpfe zieren die Ärmel des dunklen Anzugs.

Nicht ganz so tadellos waren Sommers Steuererklärungen für die Jahre 2005 bis 2011. Die Staatsanwältin rattert Zahlen herunter, lange Zahlen sind es, sechsstellige. Mal habe Sommer 124.000 Euro zu wenig an Steuer gezahlt, in einem anderen Jahr 105.000 Euro. Sein Honorar als Herausgeber der Atlantic Times und anderer internationaler Monatsblätter habe er dem Finanzamt verschwiegen. Alles zusammen habe er 649.917,99 Euro an Steuern hinterzogen, und damit "in großem Ausmaß".

Ein schwarzer Fleck

Der Richter, womöglich ein treuer Zeit-Abonnent, fragt behutsam. "In Ihrer Lebensbibliothek stehen viele gute, beachtliche Werke", hebt er an, mit viel Respekt in der Stimme, "jetzt hat die Staatsanwaltschaft ein Buch mit schwarzem Einband gefunden. Wollen Sie dazu etwas sagen?" Er meint: einen schwarzen Fleck.

Theo Sommer strafft sich, die Hände finden halt an seinem Manuskript, und er tut Buße. "Ich habe einen Riesenfehler begangen", sagt er. Er habe das Versteuern seines Honorars erst ignoriert, dann verschleppt, schließlich verdrängt. "Es war töricht, gesetzeswidrig und gemeinschaftsschädlich", sagt der Journalist, "und es hat allen Prinzipien widersprochen, die ich mir in meinem Leben zum Grundsatz gemacht habe. Ich habe keine Entschuldigung."

Dann versucht er sich zumindest an einer Erklärung. "Ich bin stets ein Workaholic gewesen", bis nachts um zwei sitze er am Schreibtisch, schreibe, lese, brüte Projekte aus. Er zählt seine Bücher auf, die er in jener Zeit schrieb, seine ehrenamtlichen Tätigkeiten. Seine Finanzen habe er im wahrsten Sinne des Wortes sträflich vernachlässigt: "Abgabetermine für Manuskripte haben mich immer mehr belastet als Abgabetermine für Steuererklärungen. Das bereue ich aus tiefem Herzen."

"Da ist doch Alarm"

Die Staatsanwältin, nicht ganz so eloquent, hat dann doch noch ein paar Zweifel. Bei Reiseabrechnungen sei Sommer durchaus penibel gewesen, merkt sie an. Und 2006 habe er schon einmal Post von der Steuerfahndung bekommen, weil er ein in bar erhaltenes Vortragshonorar von 10.000 Mark nicht versteuerte. "Da ist doch Alarm", sagt sie, spätestens da hätte er doch schleunigst alles offenlegen müssen. Sommer blickt zu seinem Anwalt, der sagt: "Herr Sommer hat diese Brücke überhaupt nicht geschlagen."

Ein Steuerfahnder will wissen, warum Sommers Steuerberater nicht einschritt. Wieder antwortet der Anwalt: Sommer habe seine Kontoauszüge nicht weitergegeben, inzwischen tue er das. Inzwischen hat er auch seine Wohnung in Morsum auf Sylt verkauft und seine Steuerschuld getilgt.

Das Urteil: Ein Jahr und sieben Monate auf Bewährung, 20.000 Euro Geldbuße. "Auch der heutige Tag hat keine hundertprozentige Aufklärung gebracht", sagt der Richter am Schluss, "ich glaube, Sie verstehen es selber nicht so recht." Und der Angeklagte nickt.