Dschungelcamp Der Hass der Deutschen

"Ich nehme gerne drei Viertel davon, dann musst du nur ein Drittel weghauen": Hobby-Mathematiker Thorsten Legat im Dschungel.

(Foto: RTL)

Warum "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" die einzige Sendung ist, die man gesehen haben muss, um das deutsche Fernsehen zu verstehen.

Von Jürgen Schmieder

"Dschungelcamp!" Der israelische Kollege ruft dieses Wort so laut, dass es auch die Freunde aus Australien, Argentinien und Shanghai verstehen können. Selbst die Schauspielerin Daryl Hannah dreht sich um und sieht belustigt auf den deutschen Journalisten, auf den nun mit dem Finger gezeigt wird - und der während der Interview-Tage der Television Critics Association in Hollywood erklären muss, was das eigentlich ist: deutsches Fernsehen.

Natürlich könnte er den Tatort erwähnen, bei dem die Folgen mit Til Schweiger nach Ansicht von Til Schweiger nichts weniger sind als deutsche Fernsehgeschichte. Oder Jan Böhmermann, der ganz toll ist und bestimmt auch bald mal mit einer Sendung ganz erfolgreich sein wird. Oder Stefan Raab? Nein, der hat ja aufgehört.

Deutsches Fernsehen, das ist immer ganz viel Vergangenheit

Dabei ist es doch so: Ich bin ein Star - holt mich hier raus ist die einzige Sendung, die man gesehen haben muss, um das deutsche Fernsehen zu verstehen - auch wenn das Format ursprünglich aus England kommt. Es folgt an dieser Stelle nun keine feuilletonistische Aufarbeitung mit Verweisen auf Opern von Leoš Janáček, Erlebnisse von Max Frisch oder den 15-Minuten-Berühmtheits-Spruch von Andy Warhol. Auch keine Psychoanalyse der deutschen Zuschauer, die auch heuer millionenfach einschalten. Was das Dschungelcamp so unverwechselbar deutsch macht, sind die Protagonisten, die in Australien lebende Tiere essen, durch den Schlamm waten oder vor lauter Langeweile ausfallend gegen die anderen Teilnehmer werden.

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Deutsches Fernsehen, das muss man den Kollegen aus aller Welt erklären, während sie auf Audienzen mit Bryan Cranston oder Julia Louis-Dreyfus warten, das ist immer ganz viel Vergangenheit. Wer mal eine Berühmtheit im deutschen Fernsehen war, der darf sich ein Leben lang so fühlen und benehmen, auch wenn sich nur noch jene Zuschauer an den letzten Auftritt in der Hitparade oder einen bemerkenswerten Film erinnern, die Tore von Gerd Müller noch live im Olympiastadion gesehen haben. Die alten Typen, das sind dann meistens zwar die arrogantesten, ekelhaftesten und unfreundlichsten Insassen, aber aufgrund von Arroganz, Ekelhaftigkeit und Unfreundlichkeit auch die unterhaltsamsten.

Das führt nun direkt zur nächsten Spezies des Dschungelbewohners und damit zur nächsten wichtigen Sparte des deutschen Fernsehens: Es wird öffentlich gecastet, bis die Geschmacksnerven vibrieren - doch anders als in anderen Ländern werden nicht jene berühmt, denen die Natur tatsächlich Talent überlassen hat, sondern alle anderen. Denen bringt jedoch niemand schonend bei, dass Warhol die Berühmtheit eben auf 15 Minuten begrenzt hat. Sie dürfen sich weiterhin für schrecklich wichtig halten, weil sie ja dringend beim nächsten Eckpfeiler der deutschen TV-Unterhaltung gebraucht werden.

Heute hassgucken die Deutschen

Das deutsche Fernsehen besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus Sendungen im Reality-Format, bei denen Prominente die Protagonisten geben. Sie bekochen einander (Das perfekte Promi-Dinner), sie präsentieren ihren Alltag (Die Wollersheims, Die Geissens) oder nehmen an erniedrigenden Wettbewerben (Alle auf den Kleinen) teil - mitunter werden sie durch diese Gerichts- und Selbsthilfe- und Anklagesendungen überhaupt erst berühmt wie etwa die aktuelle Dschungel-Bewohnerin Helena Fürst. Selbst in den meisten Spielshows Stefan Raabs wie Wok-WM, Pokernacht oder Turmspringen stammten die Teilnehmer aus den hinteren Buchstaben der Promi-Kategorien. Da werden dann auch ehemalige Sportler und Moderatoren und Models recycelt, insofern ihnen irgendwann mal von irgendwem das Präfix "Kult" verliehen worden ist. "Kult-Kicker" Thorsten Legat etwa.

Ich bin ein Star - holt mich hier raus ist also eine Zusammenfassung der prägenden Mainstream-Kategorien des deutschen Privatfernsehens, produziert für ein Publikum, dessen sadistische Schadenfreude nur von japanischen TV-Zuschauern übertroffen werden dürfte. Das nun populäre Hate-Watching, das Ansehen einer Sendung ausschließlich zum anschließenden Lästern darüber, wurde in Deutschland ja schon Ende der Achtziger (Wetten, dass . . ?) inbrünstig betrieben.

Nun also hassgucken die Deutschen den Mathematiker Thorsten Legat ("Ich nehme gerne drei Viertel davon, dann musst du nur ein Drittel weghauen"), den Nahrungsexperten David Ortega ("Und die Pflanzen? Die Kartoffel ist 'ne Wurzel. Die Pflanze hat 'ne Wurzel, das ist ihre Reserve. Von 'ner Pflanze die Wurzeln ist die Kartoffel, das ist die ihre Kinder. Und wir nehmen ihr die Wurzel weg") und den Philosophen Menderes ("Ich kann auch ohne Karriere gut leben"). Sie tun das, sorry Jan Böhmermann, weil es im deutschen Fernsehen nichts Unterhaltsameres gibt.

Es ist provinziell. Es ist ekelhaft. Es ist bedeutungsfrei. Es ist herrlich deutsch. Man muss sich dafür nicht einmal schämen. Man kann deshalb den Arm um den israelischen Kollegen legen und so laut antworten, dass es sogar Daryl Hannah hören kann: "Dschungelcamp, oh ja! Das ist deutsches Fernsehen!"