Doku "Wem gehört die Stadt?" im Ersten Verdrängungsfeldzug der Investoren

Berliner Bürger wehren sich lautstark gegen die Vertreibung aus der Innenstadt.

(Foto: SWR/kurhaus produktion/Martin Ko)

Investoren und die City: Ein Film zeigt unsere Städte als Beute der Immobilienmakler. Leider vernachlässigt die Dokumentation dabei die vielen möglichen Ansätze, das zu ändern.

Von Laura Weißmüller

Das Feindbild in dieser Dokumentation ist vom ersten Augenblick an klar: Gerade in Berlin gelandet, steigt der norwegische Immobilienmakler ins Taxi, um sich in die Stadt chauffieren zu lassen. Nicht das Brandenburger Tor ist sein Ziel, sondern Bezirke wie Friedrichshain, Kreuzberg und Prenzlauer Berg, sprich: das gegenwärtige Schnäppchenparadies der internationalen Investoren. Denn: "Berlin ist billig, beinahe so billig wie Tirana in Albanien", sagt der Anzugträger selbstzufrieden. Das wird sich ändern. In kaum einer Stadt sind die Preise für Immobilien in den vergangenen Jahren so gestiegen wie an der Spree.

Wem gehört die Stadt? fragt der Film von Kristian Kähler und Andreas Wilcke provokant und findet bei all den Protagonisten, die er in den 90 dichtgewebten Minuten begleitet, vor allem eine Antwort: den Investoren. Sie erhöhen die günstigen Mieten der Altbauwohnungen bis zur gesetzlich erlaubten Grenze und zwingen dadurch die meisten Mieter zum Auszug. Sie trotzen den notorisch klammen Stadtbezirken Baugenehmigungen für immer dichtere Wohnareale ab. Und zu guter Letzt setzen sie sogar die öffentliche Hand für ihren Verdrängungsfeldzug ein. Um die Wohnung einer türkischen Familie in Kreuzberg zu räumen, ruft der neue Besitzer die Polizei zur Hilfe. Es kommen: 830 Einsatzkräfte und ein Hubschrauber. "Wer kein Geld hat, hat gar keine Rechte", sagt der Familienvater verzweifelt. Er ist in dem Viertel geboren, aus dem ihn jetzt die Stadt mit absurd hohem Aufwand vertreibt.

Bürgerlicher Protest plus politischer Druck

Doch ist es wirklich so? Muss der Bürger der "Enteignung von denen, die Kreuzberg zu dem gemacht haben, was es heute ist", wie der Gentrifizierungsforscher Andrej Holm den Prozess nennt, tatsächlich hilflos zusehen? Den Ausverkauf der eigenen Stadt an Investoren, die nur an den schnellen Profit denken und nicht an gewachsene Strukturen oder irgendetwas sonst, was eine Stadt erst lebenswert macht? Nein, muss er nicht. Und der Protest ist beileibe nicht die einzige Möglichkeit, wie der Film suggeriert. Der ist zwar wichtig und wird gerade in Berlin so engagiert betrieben wie nirgendwo sonst. Doch was noch wichtiger wäre - weil der bürgerliche Einsatz sonst meist ergebnislos verpufft - ist politischer Druck.

Die Stadt ist reicher, als sie denkt, doch anders als die Investoren hat sie das noch immer nicht begriffen. Seit Jahren wird an einer anderen Art der Grundstückvergabe gebastelt. Initiativen wie "Stadt neu denken" machen sichtbar, wie Neubau eben nicht immer nur Verdrängung bedeuten muss. Solche Akteure und Ansätze fehlen in der ansonsten durchaus sehenswerten Dokumentation, und das ist deswegen so bedauerlich, weil genau sie aufzeigen: Die Stadt gehört allen, die darin leben - und sich dafür engagieren. Klagen allein reicht nicht.

Wem gehört die Stadt? ARD, 22.45 Uhr.