Die "Junge Freiheit" wird 25 "Das Blatt ist unappetitlich"

Das Leitmedium der Neuen Rechten, die "Junge Freiheit", wird 25 Jahre alt. Auflage: steigend. Die Autoren unterstützen die Thesen Thilo Sarrazins und geißeln die EU-Hilfe für Griechenland. Stephan Braun ist einer der schärfsten Kritiker der "JF" - im Gespräch erzählt er, warum er die Wochenzeitung für gefährlich hält.

Interview: Marc Felix Serrao

In dieser Woche feiert die Junge Freiheit (JF) ihr 25-jähriges Bestehen. Das 1986 als Schülerzeitung gegründete Wochenblatt aus Berlin (verkaufte Auflage im ersten Quartal 2011: 19350 Exemplare; plus 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal) ist das Leitmedium der sogenannten Neuen Rechten. Das kleine, aber publizistisch sehr rege Milieu kämpft seit den 70er Jahren vor allem gegen den Geist von '68 und das Konzept einer multikulturellen Gesellschaft. Einer der kritischsten Beobachter der Neuen Rechten und der Jungen Freiheit ist Stephan Braun. Der 51-Jährige war von 1996 bis 2011 Landtagsabgeordneter der SPD in Baden-Württemberg und hat etliche Bücher zum Thema herausgegeben, etwa 2007 zusammen mit Ute Vogt: Die Wochenzeitung Junge Freiheit - Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden. Heute ist er Mitarbeiter der evangelischen Landeskirche in Württemberg, freier Publizist und Referent der Friedrich-Ebert-Stiftung.

SZ: Herr Braun, Sie sind seit Jahren einer der schärfsten Kritiker der Wochenzeitung Junge Freiheit. Warum?

Stephan Braun: Die JF ist das Leitmedium der Neuen Rechten. Das ist eine Strömung, die sich an der Konservativen Revolution orientiert, die der Weimarer Republik die Demokratie untergraben hat, und an Carl Schmitt, dem Steigbügelhalter des Nationalsozialismus. Die Neue Rechte verbindet dieses Erbe mit dem strategischen Ansatz des Marxisten Antonio Gramsci, der richtigerweise erkannt hat, dass jede Revolution, die Erfolg haben will, sich vorher in den Köpfen und Herzen der Menschen festsetzen muss. Eine aparte Mischung.

SZ: Gehört das Blatt verboten?

Braun: Ich halte wenig von Verboten. Was wir brauchen, ist eine kritische Auseinandersetzung.

SZ: An der arbeiten Sie und andere seit Jahren. Die JF hat dennoch erfolgreich gegen ihre Erwähnung in Verfassungsschutzberichten geklagt. Sie hat Zugang zur Bundespressekonferenz erlangt. Und Ihre Auflage steigt und steigt. Sind Sie gescheitert, Herr Braun? Oder hat die JF nur gewiefte Juristen?

Braun: Die hat sie! Vor allem Alexander von Stahl, den früheren Generalbundesanwalt, der sie bis vors Bundesverfassungsgericht gebracht...

SZ: ... und gewonnen hat.

Braun: Das Gericht hat damals nicht darüber entschieden, ob die JF rechtsradikales oder rechtsextremistisches Gedankengut verbreitet. Es hat nur entschieden, dass, erstens, eine bloße Kritik von Verfassungswerten nicht für eine Veröffentlichung in Verfassungsschutzberichten ausreicht. Zweitens: dass es im Rahmen der Pressefreiheit möglich sein muss, einem bestimmen politischen Spektrum ein Forum zu bieten. Und drittens: dass bei Artikeln, die nicht von Redaktionsmitgliedern stammen, ganz besondere Anhaltspunkte nötig sind, um daraus rechtsextreme Bestrebungen der Zeitung abzuleiten. So. Und wenn Sie wissen, wie sehr die Neue Rechte mit politischer Mimikry arbeitet, dann verstehen Sie auch, wie schwierig es ist, so etwas juristisch stichfest im Einzelfall nachzuweisen. Vom Verfassungsschutz beobachtet wird das Blatt nach wie vor.

SZ: Wie oft lesen Sie die JF?

Braun: Ich habe sie in der Vorbereitung meiner Bücher intensiv gelesen. Heute ab und an mal.

SZ: Wer das Blatt regelmäßig liest, findet darin einen stramm konservativen, mitunter alarmistischen Tonfall, der die Thesen zur Einwanderung von Thilo Sarrazin unterstützt oder die Milliardenhilfen für Griechenland geißelt. Extremistische Positionen, wie man sie in NPD-Blättern oder auf Neonazi-Websites lesen kann, sucht man aber vergebens.

Braun: Die JF hat sich im Ton gemäßigt, das stimmt. Aber solange sie beispielsweise eine Bühne schafft für Leute wie Alain de Benoist, den auch der Bayerische Verfassungsschutz klar dem Rechtsextremismus zuordnet, so lange kann man sie nicht freisprechen. Und Autoren wie Thorsten Hinz und Stefan Scheil sind meiner Ansicht nach hart an der Grenze.

SZ: Es gibt in Deutschland auch eine Reihe linksradikaler Medien, vom antifaschistischen Rechten Rand bis zur antideutsch geprägten Jungle World. Kampagnen gegen diese Blätter sind nicht bekannt. Woran liegt das? Sind Konservative entspannter als Linke?

Braun: Ich teile die Einschätzung der JF als konservatives Blatt nicht. Richtig ist, es werden sowohl extrem linke wie extrem rechte Blätter beobachtet, in Verfassungsschutzberichten dokumentiert und sind Gegenstand der politischen Diskussion.

SZ: Anders ausgedrückt: Die deutsche Presselandschaft ist nach wie vor eine der buntesten der Welt. Und das Milieu, das Sie beschreiben, ist winzig. Muss eine reife Demokratie wie unsere solche Zeitungen nicht einfach aushalten?

Braun: Sie sagen selbst: Die Auflage steigt und steigt. Ich bin sehr für Pressefreiheit. Eine reife Demokratie kann und muss so ein Blatt aushalten. Aber das heißt nicht, dass ich auch alles goutieren muss. Das ist der Unterschied zwischen Freiheit und Beliebigkeit. Wer die Auseinandersetzung scheut, gibt Stück um Stück die Freiheit auf.

SZ: Würden Sie der JF ein Interview geben?

Braun: Nie.

SZ: Warum?

Braun: Ich setze mich mit diesen Leuten, ihren Inhalten und Strategien auseinander. Ich will aber nicht, dass die sich mit meinem Namen schmücken.

SZ: "Soll man sich als Sozialdemokrat von dem Versuch ausschließen, mit dem, was sich am rechten Rand bildet, zu diskutieren?" Kennen Sie das Zitat?

Braun: Das war Egon Bahr, oder?

SZ: Richtig.

Braun: Ich weiß, der hat mit denen geredet. Ich fand das falsch. Meiner Meinung nach hat er sich missbrauchen lassen.

SZ: Als Leser bleiben Sie der JF aber erhalten, oder?

Braun: (lacht) Ab und an sicher. Aber nicht jede Woche. Das Blatt ist unappetitlich. Da wird die Suppe kalt.