"Die Geschichte Amerikas" auf n-tv Da seufzen die Streicher

Ausgerechnet eine Atombombe wählt Oliver Stone als Symbol für seine zehnteilige "Geschichte Amerikas". Noch schlimmer: Der Regisseur zeichnet Teile der Kriegsgeschichte der USA in fast schon humoresker Naivität nach.

Von Willi Winkler

In der alten Novellentheorie brauchte eine Geschichte ein Dingsymbol, braucht es einen Ring, einen Löwen oder wenigstens einen Malteser Falken. Oliver Stone hat sich für seine Geschichte der USA das schlimmste Ding überhaupt gesucht, die Atombombe. In der ersten Folge seiner zehnteiligen Serie, die an diesem Montag auf n-tv beginnt, lässt er die Bombe in den Rocky Mountains testen und den Erfolg nach Washington melden. Sie wird im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen, tötet Hunderttausende, sorgt für den Kalten Krieg, für den heißen in Vietnam und findet ihre Fortsetzung im Krieg gegen den Terror, den die USA gegenwärtig schrecklich effektiv mit drohnengestützten Exekutionen führen.

Auch einen Helden braucht die Geschichte, und Oliver Stones Held heißt Henry Wallace. Der dürfte 99,55 Prozent der deutschen Zuschauer unbekannt sein, aber das verbindet sie mit den amerikanischen, denen im Original die "nicht erzählte Geschichte" ihres Landes versprochen wurde. Wallace war Vizepräsident in Franklin Roosevelts dritter Amtszeit, ein Mann, der das 20. nicht zum amerikanischen, sondern zum "Jahrhundert des Normalbürgers" machen wollte und angeblich den Imperialismus hasste, wurde aber Ende 1944 nicht erneut nominiert, konnte also dem schwerkranken Roosevelt, der im April 1945 starb, nicht nachfolgen, was dann dem von finsteren Mächten gestützten Harry Truman gelang, einem kurzsichtigen, offenbar minderwertigkeitskomplexbeladenen Landei aus Missouri, das seine fehlende Männlichkeit (ach, Sigmund!) mit dem Abwurf der Atombombe auszugleichen suchte und damit die Dauerkatastrophe der Nachkriegszeit auslöste.

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Stalin bricht in "herzliches Gelächter" aus

Auf den Zuschauer prasselt ein Dauerfeuer aus Wochenschauaufnahmen, Propagandafilmen und Zeitungsartikeln herein, Bilder aus Leni Riefenstahls "Fest der Schönheit" sind ebenso reingemischt wie Eisensteins "Iwan der Schreckliche" oder Frank Capras "Mr. Smith geht nach Washington". Die zerstörten europäischen Städte werden zusätzlich mit der Schicksalssymphonie behämmert, und wenn Wallace erscheint, seufzen wie im schlechteren Schmachtfetzen die Streicher.

Geschichte wird, wie könnte es anders sein, von großen, manchmal auch bösen Männern gemacht, weshalb Stalin bei Gelegenheit "in herzliches Gelächter" ausbricht, Roosevelt ihn als "Uncle Joe" tituliert und Churchill verbittert auf seiner Zigarre herumkaut.

Neu oder nicht erzählt ist an dieser Geschichte wenig, aber sie wird mit dem schönen Eifer eines Autodidakten vorgetragen. Stone, der ein Semester mit dem versoffenen Studenten George W. Bush in Yale verbracht hat, entzog sich anders als der spätere Präsident nicht der Wehrpflicht, sondern diente in Vietnam, wo sich ihm der Schrecken des Krieges offenbarte. Dass Bushs Irakkrieg nicht bloß in der Rechtfertigung, sondern auch in der Ausführung falsch war, wird heute niemand mehr bestreiten. Drum schadet es nicht, wenn noch einmal auf die Kriegslüsternheit Rumsfelds und Cheneys verwiesen wird, der die ehrgeizige Angela Merkel einst vasallentreu zustimmte.

Schöne Geschichte, leider nicht wahr

Ob aber wie in der Verschwörungstheorie alles mit allem zusammenhängt, darf man auch als Pazifist bezweifeln. Schöne Geschichte, leider nicht wahr: Mit einer fast schon humoresken Naivität besteht Stone darauf, dass Stalin Freundschaft mit den USA wollte, aber zum Ende des Zweiten Weltkriegs abgewiesen wurde. Stone, seit seinem "JFK" Lehrstuhlinhaber im Institut für Phantastische Geschichtsumschreibung, trauert einer anderen Geschichte nach, die es seiner Hoffnung nach gegeben haben sollte.

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Vom Original wurden nicht nur kleinere Fehler übernommen (die Sowjetunion hat Finnland nämlich nie erobert; bei der Erwähnung des späteren sowjetischen Außenministers Andrej Gromyko wird ein falsches Bild gezeigt), sondern auch die amerikanischen Karten, so dass Deutschland grundsätzlich "Germany" heißt. Selbst das aus "Mein Kampf" eingeblendete Zitat ist in der Original-Führersprache Englisch gehalten. Den Übersetzern scheint auch der Unterschied zwischen dem amerikanischen Kongress und einer Nominierungspartei der Demokratischen Partei entgangen zu sein.

Trotz aller Einwände ist Stones (durch den Historiker Peter Kuznick gestützte) Geschichte der USA eine heilsame Abwechslung zu dem mittlerweile auch vom ehemaligen Antikriegs-Präsidenten Barack Obama gesungenen Heldenlied. Roosevelt hat den Krieg gegen Hitler tatsächlich viel zu lange der Sowjetunion überlassen, der Abwurf der Atombombe war keineswegs kriegsentscheidend, die unendlichen Kriege in Südostasien, später in Afghanistan und im Irak sind vor allem Ausdruck von Größenwahn.

Die Geschichte Amerikas, n-tv, 20.05 Uhr.