Die ARD wird jugendlicher Fahr ab das Ding

Weder Känguru-Hoden noch abgehalfterte Nacktmodels sind notwendig, um die junge Generation zu erreichen - meint SWR-Chef Peter Boudgoust. Seit Jahren kämpft er für einen Jugendsender der ARD, immer wieder wurde der Vorschlag abgelehnt. Jetzt macht er einfach den von ihm betreuten ARD-Digitalkanal EinsPlus jugendlicher.

Von Roman Deininger

Peter Boudgoust, Intendant des Südwestrundfunks (SWR), hat ein Ziel. Und er hat auch ein Problem: Viele seiner ARD-Amtskollegen, darunter die derzeitige Vorsitzende Monika Piel vom WDR, halten dieses Ziel für eine ziemliche Spinnerei. Seit Jahren kämpft Boudgoust für einen öffentlich-rechtlichen Jugendsender, ARD und ZDF sollen dabei idealerweise gemeinsame Sache machen. Seit Jahren lehnen die lieben Kollegen allerdings den wohlvertrauten Vorschlag aus Stuttgart ab. Die Einrichtung eines eigenen digitalen Jugendkanals sei "finanziell unmöglich", hat Piel erklärt und damit nicht viel Raum für Interpretationen gelassen.

Trotzdem hat Boudgoust stets bekräftigt, dass er weiter kämpfen will. Erst vor ein paar Wochen, auf der SWR-Jahrespressekonferenz, verkündete er: "Wir wollen den Beweis antreten, dass es weder Känguru-Hoden noch abgehalfterte Nacktmodels braucht, um die junge Generation zu erreichen."

Wo und wie genau er diesen Beweis zu führen gedenkt, blieb unklar, doch nun wird das Projekt konkreter: Weil der Aufbau eines neuen Senders nicht klappte, macht sich Boudgoust an den behutsamen Umbau eines alten. Der vom SWR betreute ARD-Digitalkanal EinsPlus soll künftig ein jugendliches Image haben.

Über das aktuelle Image von EinsPlus dürften die allermeisten Bundesbürger nichts wissen. Laut Senderwebsite ist das Programmziel, "Orientierung und Lebenshilfe zu geben und Wissen zu vermitteln".

Je drei Digitalkanäle betreiben ARD und ZDF - zu viele, heißt es zunehmend aus der Medienpolitik. So etwas wie Strategie und Profil war bei den Kanälen bisher, wenn überhaupt, nur beim ZDF zu erkennen. Boudgoust wollte dem durch die Zusammenlegung von EinsPlus und Einsfestival abhelfen - nach Möglichkeit natürlich zu einem Jugendsender.

Cooler Musiksender-Look

Im März 2011 wurde die Idee verworfen. Eine Mehrheit der Intendanten meinte, dass man dem verwirrenden Mediennutzungsverhalten junger Menschen von heute mit einem einzelnen Kanal nicht gerecht werden könne: Viel zu groß sei die Zielgruppe von 14 bis 29 Jahren, auch viel zu heterogen. Kurz nach dieser Entscheidung versammelte sich am Standort Baden-Baden erstmals eine Gruppe junger Journalisten aus verschiedenen SWR-Redaktionen, so auch vom Jugendprogramm Dasding, das gerade vormacht, wie junges Publikum im Radio, Fernsehen und Internet zu erreichen ist. Ein "Entwicklungslabor" nennt der neue EinsPlus-Chef Alexander von Harling die Treffen. Vom 30. April an soll EinsPlus zeigen, was alles entwickelt wurde. Der Termin ist mit Bedacht gewählt, denn das analoge Satellitensignal in Deutschland wird dann abgeschaltet. Viele Zuschauer werden sich im digitalen Angebot umsehen.

Das junge Programm auf EinsPlus können Geneigte dann täglich von 20.15 bis 0.30 Uhr entdecken. "Der Abend ist jung", sagt von Harling, dazu kommt noch je ein kurzer Sendeplatz morgens und mittags. Das "neue Branding der Primetime" werde EinsPlus (Jahresbudget: 4,5 Millionen Euro) ein "ganz neues Gesicht" geben, ohne dass das Stammpublikum völlig auf Orientierung und Lebenshilfe verzichten müsse. Man wolle, sagt von Harling, jene jungen Zuschauer abfangen, die dem Kinderkanal Kika entwachsen seien und sich bisher in großer Zahl den Privaten zuwendeten.

Mit fünf eigenen neuen Formaten geht EinsPlus an den Start, sechs weitere sollen später folgen. Da ist das Musikmagazin beatzzz mit der Dasding-Moderatorin Sandra Jozipovic oder die Videospielsendung mit dem Arbeitstitel Highscore. "Wir wollen nicht nur Musikvideos abfahren, wir wollen nicht nur Games vorstellen", sagt Moderator Frederik Peters. "Wir wollen nah dran sein an der Fan-Perspektive und trotzdem journalistischen Anspruch wahren." Ein cooler Musiksender-Look solle nie Selbstzweck sein.

Erste Ausschnitte lassen auch auf charmante Reportage- und Dokuformate hoffen: Waschen, Schneiden, Reden etwa lauscht den Unterhaltungen hipper junger Friseure und ihrer nicht minder hippen Kunden ("Kriesch isch noch ne Locksche?"). Klub Konkret soll ein "netzaffines" Politikmagazin für die Piraten-Wähler-Generation werden.

"Der Quotenerfolg ist für uns nicht vorrangig", sagt Dasding-Chef Wolfgang Gushurst, der die Formate mitentwickelt hat. "Wir versuchen einfach, gute Sendungen vorzulegen und zu zeigen, wie man junge Leute erreichen kann." Der Jugendkanal, von dem Boudgoust träumt, sei EinsPlus damit zwar noch nicht. "Aber ein deutliches Ausrufezeichen wollen wir setzen."