"Der Sandro-Report" mit Olli Dittrich Die stärkste Pointe ist das Nichts

Sandro Zahlemann (Olli Dittrich) kennt man schon aus dem Talk-Gespräch, jetzt wartet er am Bahnhof Leipzig auf den König von Bhutan.

(Foto: Beba Lindhorst/WDR)

Olli Dittrich wird in "Der Sandro-Report" zum ostdeutschen Außenreporter. Die Sendung spielt mit dem Bild und Selbstbild von Journalisten - und liefert liebevollen Spott auf die Deutsche Bahn.

TV-Kritik von Holger Gertz

Kurze Erinnerung an eine Begegnung vor einem Jahr, man schaute sich gemeinsam mit Olli Dittrich eine Sendung mit Olli Dittrich an. Das Talk-Gespräch, eine Persiflage auf das besinnungslose Gequatsche im deutschen Fernsehen. Fünf Talkshowgäste auf dem Bildschirm, Schauspielerinnen, Tiersucher, Journalisten: alle gespielt von Dittrich. Wobei gespielt bei ihm nie das treffende Wort ist, Dittrich wird zu diesen Menschen. "Wenn wir drehen, dann spiele ich die gar nicht - dann bin ich die. Dann spüre und empfinde ich so, wie ich glaube, dass diese Menschen spüren" - so hat er das damals bei der Begegnung beschrieben.

Eine seiner Figuren im Talk-Gespräch war Sandro Zahlemann, ein Außenreporter aus Ostdeutschland. Am Anfang jeder Talkshow, wenn die Gäste vorgestellt werden, liegt die Titelmusik noch drunter. Die Gäste sollen dann noch nichts sagen, nur kurz ihr Gesicht in die Kamera halten, aber dieser Zahlemann fing gleich zu reden an. Und Dittrich, vor dem Fernseher vom Darsteller zum Beobachter und Analytiker geworden, sagte: "Das ist eine ganz typische Nuance, die wir sehen bei Leuten, die das Wasser nicht halten können. Er wähnt sich als Star, er ist schon lange dabei, er will sein Format präsentieren. Dabei müsste er am besten von allen wissen, dass sein Mikro nicht offen ist."

Der Komödiant Dittrich ist unabhängig und bewundert genug, um sich im Fernsehen seine eigene Nebenwelt schaffen zu können, seine Figuren können immer wieder auftreten, sie überleben, und jetzt hat man also Gelegenheit, dem wasserhundartig frisierten Zahlemann dabei zuzusehen, wie er sein Format präsentiert. Sein Format: Der Sandro-Report, eine dieser Sondersendungen, bei denen ein Reporter live aufgeblasen im Panorama herumsteht. Hektik, Erwartungen, Breaking News. Die ganze Sendung über rattert eine Bauchbinde unten über den Bildschirmrand.

Dittrich ist bekennender Bahnfahrer

Zahlemann berichtet von Gleis 16 des Leipziger Hauptbahnhofs, wo jeden Moment Jigme Khesar Namgyel Wangchuck erwartet wird, der König von Bhutan. Die Deutsche Bahn will 250 ICE der neuesten Generation mit Druckkabinen und Wirbelstrombremsen nach Bhutan verkaufen, weshalb der König und seine deutschen Verhandlungspartner zur Eingewöhnung schon mal mit der Bahn unterwegs nach Leipzig sind und natürlich nicht pünktlich ankommen. Ein Böschungsbrand auf Höhe Jesewitz. Bauchbinde: "König von Bhutan bleibt unverletzt."

Zahlemann stolpert durch den Leipziger Hauptbahnhof und liest zur Überbrückung Details über die Tierwelt der Erbmonarchie vom Waschzettel. Nashornvogel, Schwarzhalskranich, außerdem das Blauschaf, aus dessen Fell die Umhüllungen für die Außenreportermikros angefertigt werden.

Dittrich ist bekennender Bahnfahrer; sein Vater war ein Journalist. Wenn er als Zahlemann von Böschungsbränden aller Art berichtet, weiß er in jeder Hinsicht, wovon er spricht. Seine Nebenwelt wird spielerisch zur Hauptwelt. Es empfiehlt sich, wie in allen Dittrich-Stücken immer und gerade auch auf das Detail zu achten, hier: die blecherne Stimme aus dem Bordmikro. Die Durchsagen in den Zügen sind eigene kleine Kapitel im dicken Fahrtenbuch voller falscher Versprechen. "Enjoy our Snack-Express, it's lecker!"

Die Sendung spielt mit dem Bild und Selbstbild der Journalisten. Wer ist der Erste, der mit dem König von Bhutan reden darf? Eine Stellvertreterfrage und ein Beispiel für dieses ewige Rennen um News und Anerkennung, das Journalisten sich liefern, wenn irgendwo was los ist.

Menschen, die sich einem Sog hingeben, werden einander unheimlich ähnlich. Wer je bei einem sogenannten wichtigen Termin mit seinem ratlosen Aufnahmegerät in einem Reporterpulk gestanden hat, kennt die grässliche Melange aus Schweiß (Sommer) und kaltem Zigarettenrauch (Winter); aus Alarmismus und Wichtigtuerei (Sommer und Winter). Er kennt die Kollegen, die wie Zahlemann umständlich ihr Handy aus der Manteltasche fummeln, um noch schnell einen Informanten zu sprechen. Und er kennt die Art, wie Reporter unterwegs ein paar Wurschtbrote runterschlingen und mit vollem Mund und gespieltem Leiden die ewige Hektik ihres sogenannten Lebens bejammern.

Er kennt all das von den anderen Reportern, und natürlich von sich selbst. Und er findet sich und die anderen in Sandro Zahlemann wieder. Unterdessen stemmt man sich auf der Bauchbinde trotzig dem Weltuntergang entgegen: "Verkehrsminister Dobrindt: Hoffen alle, dass es bald weitergeht."

Nach Frühstücksfernsehen, Das Talk-Gespräch und Schorsch Aigner - der Mann, der Franz Beckenbauer war ist Der Sandro-Report die vierte Fernseh-Persiflage von Dittrich. Dreißig Minuten dauert die Sendung, ohne einen einzigen Schnitt. Eine wunderbare Miniatur, mit viel Liebe zubereitet. Ein paar Dittsche-Gedanken sind auch eingestreut: Im ICE der neuen Generation wird es einen Speisewagen mit Sushi-Bar geben, und wenn das Förderband in der Sushi-Bar entgegen der Fahrtrichtung läuft, bleibt das Essen ja länger frisch.

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Akku leer, Luft raus

Olli Dittrich ist so präzise in seiner Charakterisierung der Getriebenen, dass es schon wieder fürsorglich wirkt. Um als Erster beim König zu sein, "mit der Kamera direkt druff", wagt sein Zahlemann sich aufs Nebengleis und strandet im Nirgendwo, Richtung Finsterwalde. Hier gibt es keinen weiteren Anschluss, den Reisenden steht allerdings ein Münzfernsprecher zur Verfügung. Die Frage ist: wird Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, König von Bhutan, im hinteren Waggon seines Sambazuges sitzen? Und: Kann man sich in dieser brüchigen Welt wenigstens auf seine Informanten verlassen?

Akku leer, Luft raus. Aber die stärkste Pointe ist ja eigentlich sowieso nicht die, die mit achtzehn Schweiger-Ausrufezeichen garniert wird. Die stärkste Pointe ist das Nichts.

Der Sandro-Report - Zahlemann Live, ARD, 22.45 Uhr.

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