Beckenbauer-Persiflage mit Olli Dittrich:Mit der Kraft der zwei Herzen

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Olli Dittrich als Franz Beckenbauer

Im letzten Teil des TV-Zyklus taucht „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“ wieder auf – als, kein Witz, „Ghostpainter“ von Christine Neubauer.

(Foto: Beba Lindhorst/WDR)

Komiker Olli Dittrich enthüllt: Franz Beckenbauer wurde über Jahrzehnte von einem Double namens "Schorsch" Aigner vertreten. Und auf dem Rasen, nach dem WM-Sieg '90, wäre es fast zu einem ganz anderen Bild gekommen.

Von David Denk

Wenn das stimmt, muss die Geschichte des deutschen Fußballs umgeschrieben werden - und die der modernen Kunst gleich mit. "Schorsch" Aigner - Der Mann, der Franz Beckenbauer war heißt der Film, der im Ersten am Donnerstag kurz vor Mitternacht versendet wird und den Mythos um die Lichtgestalt des deutschen Fußballs dekonstruiert, den Kaiser von seinem Thron stößt. Was man da zu sehen bekommt, ist zu aberwitzig, um wahr zu sein.

In dem Film bricht ein Mann sein Schweigen: "Schorsch" Aigner, der Beckenbauer 50 Jahre lang bei öffentlichen Auftritten und hin und wieder sogar auf dem Fußballplatz vertreten haben will, dann aber Eigentore schoss und mit dieser Doku trotzdem einen maßgeblichen Anteil an Beckenbauers Lebenswerk für sich reklamiert. "Dann ist er verschwunden und ich bin wieder rausgekommen", sagt Aigner, der - um die Identitätsverwirrungen auf die Spitze zu treiben - in Wahrheit Olli Dittrich ist. "Über Jahre war ich ja Stand-by."

Eine Doppelbuchung - der einzige Fehler in 50 Jahren

Akribisch hinterfragt die "Doku" Unstimmigkeiten in der Vita Beckenbauers. Zentrale Bedeutung kommt dabei dem Tag im Dezember 2005 zu, an dem der Fußballstar in Togo und Ghana zugleich für die WM 2006 warb, "eine Doppelbuchung, der einzige Fehler in 50 Jahren und der Beweis, dass er die Reise nicht alleine bewältigt hat", allen Beteuerungen zum Trotz: "Das war ich schon, das ist kein Double, das habe ich alles selbst gemacht", so der falsche Beckenbauer damals. "Reporter-Legende" Jörg Wontorra hat es immer geahnt: "Das kriegt ein Mensch alleine nicht hin."

Die Aufdeckung dieser millionenfachen Täuschung ist das Verdienst eines Mannes: Olli Dittrich. Der bekannte Komiker (Dittsche) parodiert, unterstützt von Grimme-Preisträger Tom Theunissen, wie man heute Enthüllungsdokus macht: Er besucht Aigner und Gattin Elfriede (Carolin Fink) in ihrem gediegenen oberbayerischen Heim, forscht bei "KickiLeaks" nach, steht mit Aigner am See und spricht mit Weggefährten.

Auch vor unangenehmen Fragen schreckt Dittrich nicht zurück: Ob er je ein schlechtes Gewissen gehabt habe? "Ein schlechtes Gewissen, soweit würde ich nicht gehen, nein, das eigentlich nicht", antwortet Aigner auf seinem Sofa im Landhausstil sitzend. Der Kamera entgeht nicht das kleinste Detail: Aigner hat die rechte Hand auf dem linken Knie abgelegt. Im Hintergrund arrangiert seine Elfriede den Blumenschmuck.

"Vom Fußweg her ein kleiner Marsch"

Auch den deutschen WM-Sieg 1990 lässt Olli Dittrich in ganz anderem Licht erscheinen: "Den bedeutendsten Moment seiner Karriere erlebt Aigner 1990 in Rom - Erinnerungen", spricht Sprecher Mark Bremer aus dem Off und Aigner erzählt von einer spontanen Eingebung, aus der ein großes Bild wurde: Da er ja nicht einfach habe in der Nase bohren können, sei er nach dem Abpfiff über den Platz geschlendert, "die Einsamkeit des Siegers, aber nicht so überheblich", sagt Aigner, "ein großer Gang von der Bedeutung, aber vom Fußweg her ein kleiner Marsch."

Ach so, ja, die Sache mit der Kunst: In den Siebzigern habe der Franz ihn aufgefordert, ihn zu malen, erzählt Aigner, der sich künftig verstärkt dieser Leidenschaft widmen will. Das Bild sei dann in New York präsentiert worden, "mit dem Andy Warhol, der hat's nur aus dem Sackerl ausgepackt und auf einen Schlag war es zwei Millionen wert." Kein Wunder, dass der Mann, der unversehens auch mal Andy Warhol war, endlich wieder ganz er selbst sein möchte.

"Irgendwann ist auch mal gut", sagt "Schorsch" Aigner.

"Schorsch" Aigner - Der Mann, der Franz Beckenbauer war, Donnerstag, 23.30 Uhr, ARD; und schon ab 18 Uhr in der Mediathek.

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