Debatte um Frauenquote "Frauen sind kein Problem, sondern die Lösung"

In Deutschland gibt es viel zu wenig Frauen in Leitungsposten. Auch in Verlagshäusern, wie der SZ. Nun machen 350 deutsche Journalistinnen mobil - und fordern jetzt eine Frauenquote von 30 Prozent für Führungspositionen.

Von Katharina Riehl

Der Brief, der am späten Sonntagnachmittag rund 250 deutsche Chefredakteure, Verleger und Intendanten erreichte, beginnt mit einem Zitat von Gabor Steingart. Der Chefredakteur des Handelsblatts habe erkannt, heißt es, dass Frauen "nicht das Problem" seien, "sondern die Lösung". Vor einem Jahr hatte Steingart für seine Zeitung eine Frauenquote von 30 Prozent für Führungspositionen angekündigt - das gebiete "nicht nur die Gerechtigkeit, sondern auch die ökonomische Vernunft".

Pro-Quote-Unterstützerinnen (v.l. oben i. Uhrzeigersinn): Frauke Ludowig, Antonia Rados, Sandra Maischberger, Alice Schwarzer, Dagmar Reim, Iris Radisch, Ingrid Kolb, Bettina Wündrich.

(Foto: dpa (3), ddp (3), dapd, G+J)

Unterschrieben ist der Brief von rund 350 deutschen Journalistinnen, Anne Will ist unter ihnen, Antonia Rados, die RBB-Intendantin Dagmar Reim, Moderatorin Sandra Maischberger, Sabine Christiansen, Frauke Ludowig (RTL), Redakteurinnen von ZDF, Spiegel, Zeit, Stern, Neon, SZ, taz, FAZ, Geo, Brigitte und so weiter. Das Schreiben ist nicht lang, aber deutlich: "Wir fordern, dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen im Laufe der nächsten fünf Jahre mit Frauen besetzt werden - und zwar auf allen Hierarchiestufen. Schaffen Sie das?"

Die Debatte um eine Frauenquote wird in Politik und Wirtschaft schon lange heftig geführt. In einem Teil der Parteien gibt es unterschiedliche Prozent-Regelungen und Selbstverpflichtungen. 2010 führte die Telekom als erstes Dax-Unternehmen eine 30-Prozent-Quote ein. Die anderen Dax-Konzerne haben einen Katalog für Selbstverpflichtungen vorgelegt - eine gesetzliche Regelung für Aufsichtsräte und Vorstände gibt es nicht.

Die Frauenquote in den 30 Dax-Vorständen im Jahr 2011 betrug 3,7 Prozent. Das ist nicht viel, dem Brief zufolge ist der Anteil in deutschen Chefredaktionen aber noch geringer. Zwei Prozent der Chefredakteure von etwa 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen sind demnach Frauen, auch die deutschen Nachrichtenmagazine werden fast ausschließlich von Männern geleitet.

Der andere Blick auf die Welt

Nicht nur beim Handelsblatt ist die Quote schon Thema gewesen. Ende Januar 2011 hatten die Autorinnen Susanne Beyer und Claudia Voigt im Spiegel die Titelgeschichte "Die Machtfrage" geschrieben, in der sie sehr konkret von der Geschlechterstruktur bei ihrem Arbeitgeber erzählten - sie legten etwa dar, dass es dort mehr schwule Ressortleiter gebe als weibliche, zwei Frauen waren es damals. Auch sie forderten eine 30-Prozent-Quote. Heute gibt es beim Magazin Spiegel drei stellvertretende Ressortleiterinnen, mit Sonderthemen vier. Auch bei der SZ gibt es in der Chefredaktion nur Männer, von 22 Ressortleitern sind zwei Frauen. Insgesamt sind Schätzungen zufolge heute etwa 50 Prozent aller Journalisten weiblich.

Parallel zur Briefaktion ging am Sonntag die Website www.pro-quote.de online, die Journalistinnen haben dort Zitate hinterlassen. Sandra Maischberger etwa (in der ARD-Talkshow-Schiene sind von fünf Moderatoren immerhin zwei weiblich) schreibt: "In manchen Bereichen - zum Beispiel in den Intendanzen der ARD - ist ( . . . ) einiges passiert, aber es fehlt noch vieles, und vor mancher Neubesetzung scheidender (oder ausgewechselter) Chefredakteure steht man kopfschüttelnd: Warum kommen nicht die fähigen Frauen im Team zum Zug, sondern immer der gleiche Typus männlicher Allesversprecher?" Unterstützerinnen sollen sich auf der Website laufend registrieren können, die Antworten der Chefredakteure werden dort veröffentlicht.

Liest man die Statements der Unterstützerinnen, wird deutlich, dass für viele eine Quote in Redaktionen noch mehr bedeutet als eine Quote in anderen Unternehmen. Die Publizistin Miriam Meckel sagt: "Frauen gehören gerade in den Medien in Führungspositionen. Nicht nur, weil das heute selbstverständlich sein sollte, sondern vor allem, weil Medien täglich dazu beitragen, unsere Weltbilder zu entwerfen. Die sollten auch den Blick der Frauen enthalten." Eine Frauenquote für Medienunternehmen ist dieser Logik zufolge auch eine Frauenquote für Medieninhalte.

Offizielle Initiatorinnen der Aktion gibt es nicht, die Idee wurde über persönliche Kontakte weitergegeben - man liegt aber wohl nicht falsch, wenn man den Ausgangspunkt rund um Hamburger Verlagshäuser vermutet. Am Sonntagabend jedenfalls, ein paar Stunden nach der Briefaktion, sollte Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo in seiner Diskussionsreihe "Was bewegt Deutschland?" auf Arbeitsministerin und Quoten-Befürworterin Ursula von der Leyen treffen - und dort wohl eher spontan auch über eine Quote in seinem Haus diskutieren.

Und beim Handelsblatt? Dort kann man ein Jahr nach Steingarts Ankündigung erfahren, dass heute zwei Schlüsselpositionen mit Frauen besetzt seien, es gibt nun eine Chefreporterin und eine weibliche Ressortleitung "Finanzen". 30 Prozent sind das nicht, aber vier Jahre bleiben ja noch.