"Das Netz" online und im WDR Gestörtes Ich

Eben noch erfolgreiche Wirtschaftsberaterin, jetzt unter Terrorismusverdacht: Juliane Schubert (Caroline Peters) und Jonas (Wolfram Koch).

(Foto: WDR/Alexander Fischerkoesen)

Verwirrung, Verunsicherung, Auflösung: Einer Frau wird im Internet ihre Identität gestohlen. Plötzlich steht sie unter Terrorverdacht. Der spektakulär gefilmte WDR-Thriller "Im Netz" ist ein Experiment. Auch, aber nicht nur, weil man ihn vorab online ansehen kann.

Von Bernd Graff

Kritik an Krimis im Deutschen Fernsehen ist beliebt. Und kaum etwas ist so wohlfeil und billig. Hingerotzt seien sie, dafür langatmig erzählt, der Zuschauer sei unterfordert durch die ständige Wiederholung von Selbstverständlichkeiten. Doch es lohnt sich, den Thriller Im Netz näher zu betrachten und seine Machart zu untersuchen. Er handelt von der Verstörung, Verunsicherung, ja Auflösung einer zuvor intakten Person, der man die Identität gestohlen hat.

Identitätsdiebstahl im Netz ist ein Verbrechen, aber kein Thema, das man so leicht verfilmen könnte wie einen Bankraub, einen Mord oder eine Geiselnahme. Denn die Tat geschieht anscheinend nur im virtuellen Raum, ihre Konsequenzen aber sind sehr real. Im Netz erzählt mit einer ganz eigenen Ästhetik aus der subjektiven Perspektive des Opfers. Die mit dem Bayerischen Fernsehpreis und Grimme-Preis ausgezeichnete Isabel Kleefeld, Jahrgang 1966, hat hier Regie geführt und den Film mit einer realistischen Bildsprache umgesetzt, die das bekannte deutsche Bildererzählen des Krimi-Genres aufbricht.

Eine erfolgreiche Wirtschaftsberaterin (Caroline Peters) wird nachts von einem Polizei-Sonderkommando aus dem Bett geholt, wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verhaftet und tagelang verhört. Tatsächlich ist auf ihren Namen eine Wohnung angemietet worden, in der Material für den Bau von Sprengsätzen gefunden wurde. Ihre Konten weisen Bewegungen auf, die sie nicht erklären kann. Irgendwann ist es geplündert. Die Polizei nimmt ihr Computer und Handy ab. Der Zuschauer wird Zeuge einer Demontage: Die souveräne, taffe Beraterin löst sich auf in Angst. Sie verliert erst den Job, dann den Freund. Ihre Wohnung ist verwanzt, ihr Telefon wird abgehört, die Frau wird überwacht, bespitzelt und verfolgt. Sie kann nicht einmal mehr der Polizei trauen. Sie hat jede Kontrolle über ihr Leben verloren.

Wie sie "hinabstürzt in diesen Albtraum"

Im Gespräch erzählt Regisseurin Kleefeld, mit welchen ästhetischen Mitteln sie Kontrollverlust und Bedrohung in Fernsehbilder übersetzt hat. Für Kleefeld gab das Drehbuch von Ulli Stephan eine klare Genre-Entscheidung vor. Kein klassischer Polizeifilm sollte entstehen, sondern ein Thriller, der dicht aus der Opferperspektive berichtet, mit dem Ziel, das Gespinst aus Verdächtigungen als mögliche "Störung der Wahrnehmung" zu schildern.

Um den immer größeren Kontrollverlust erzählen zu können, haben Regie und Kamera (Alexander Fischerkoesen) genau festgelegt, welchen Rhythmus sie für die Erzählung aufbauen wollen, für welche Szenen etwa besonders viel Bildmaterial aus welcher Perspektive gedreht werden soll, um später beim oft rasanten Schnitt (Andrea Mertens) den beabsichtigten Tempowechsel herstellen zu können.

Die Hauptfigur der Juliane Schubert wird glaubwürdig eingeführt, auch wenn sie anfangs selber verdächtig erscheint. Erst dann wird immer schneller gezeigt, wie sie "hinabstürzt in diesen Albtraum". Die Entscheidung, nicht aus übergeordneter Sicht zu erzählen und dem Zuschauer keinen Wissensvorsprung zu gewähren, sorgt dafür, dass es kaum einen beruhigenden, objektiven Blick gibt. Da nicht chronologisch gedreht wurde, musste tagtäglich memoriert werden: Was weiß die Figur in diesem Augenblick (noch)? Später in der Lichtbestimmung wurde diese Irrfahrt noch einmal vollzogen: Welche Farbtemperatur benötigt die Szene? Je fremder die Farbanmutung, je unschärfer und damit ungreifbarer ihre Umgebung ist, desto unsicherer wirkt hier die Figur.

Schema von Gut und Böse aufgebrochen

Obwohl niemandem physische Gewalt angetan wird, sorgen diese Mittel beim Zuschauer für einen Eindruck unmittelbarer Bedrohung. Der Kameramann hat bei der Farbbestimmung mal auf kühlere, dann auf bedrückend wirkende ockerfarbene Töne gesetzt. "Man empfindet warme Töne meist als beruhigend und freundlich. Aber wenn die Gefahr längst in die eigenen vier Wände eingezogen ist, kann aus dem vermeintlich gemütlichen Nest schnell ein fiebriges Gefängnis werden", sagt Isabel Kleefeld. Sollen diese bildästhetischen Mittel zum Einsatz kommen, um ein Schwinden der Sinne darzustellen? "Nein", antwortet Kleefeld, "es ging uns um die bildhafte Umsetzung einer nervösen Intensität, in der alle Sinne überreizt sind."

Wie aber sind die Verantwortlichen des WDR mit diesem derart auf Ästhetik, Farbtemperatur und Bildsprache konzentrierten Sujet umgegangen? Wie haben sie darauf reagiert, dass man in diesem Krimi niemals Täter bei einer Tat sieht, dass das Schema von Gut und Böse aufgebrochen ist, dass moralische Standards angetastet werden, dass dieses Verbrechen im virtuellen Raum nur aus der subjektiven Perspektive des Opfers erzählt wird? Und schließlich: Wie haben sie auf den Schluss reagiert, der, das darf man verraten, nicht darin besteht, dass alles wieder gut ist.

Im Netz ist ein eigenwilliger, aber plausibler Film zu einer brisanten Thematik. Und als solcher ein ermutigender Beleg dafür, dass man sich öffentlich-rechtlich einmal nicht versteckt hat.

Das Netz, ab 20. März in der ARD-Mediathek online, am 27. März, ARD, 20.15 Uhr.