Berichterstattung aus Libyen Inszenierte Gefechte?

Bilder aus Krisenregionen bringen uns die Konflikte nahe. Doch inwieweit sind sie inszeniert? Was sind die journalistischen Maßstäbe vor Ort? Eine Bestandsaufnahme.

Von Christina Maria Berr

Schießende Rebellen, Rauch und dramatische Schreie - Bilder aus Ägypten, Libyen und anderen Krisenregionen zeigen eindrücklich die dortigen Konflikte, bebildern sie und bringen sie so dem Fernsehzuschauer oder auch dem Zeitungsleser nahe. Konflikte werden anschaulich, erfassbar, bekommen konkrete Bilder.

Doch sind die Aufnahmen von Gefechthandlungen bisweilen inszeniert? Tagesschau-Redakteur Helmut Scheben vom Schweizer Fernsehen (SF) behauptet dies nun auf der Onlineseite journal21.ch. Unter dem Titel "Die meisten Bilder sind gestellt" schreibt er, jedem sei klar, "dass ein Kameramann oder eine Kamerafrau keine Kampfhandlungen aus der Nähe filmen kann, es sei denn sie sind lebensmüde." Und weiter: "Es muss hin und wieder für die Kamera geschossen werden." Diese inszenierten Aufnahmen oder gar Montageaufnahmen würden es immer wieder sogar in "seriöse Sender wie SF, ARD, ZDF und ORF" schaffen, erklärte er später in einem Interview mit dem Zürchner Tages-Anzeiger.

Wie weit aber darf ein Journalist in einem Krisengebiet gehen? Was ist gestellt, was ist noch erlaubt? Verhält sich ein Aufständischer vielleicht ohnehin anders, als wenn ihn kein Kamerateam begleiten würde?

Natürlich würden Rebellen sich über die Anwesenheit von Journalisten und Fotografen freuen, erklärt Marc Hofer. Der freie Fotograf war gerade in Libyen unterwegs und erklärt ganz klar: "Inszenierte Bilder sind kein Fotojournalismus." Wenn allerdings Fotos zu perfekt und clean seien, könnte man sich schon so seine Gedanken machen. Dann hatte der Fotograf an der Frontlinie wohl auffallend viel Zeit. Das scheint unrealistisch, vielmehr gilt: Hin, ein paar Fotos schießen und schnell wieder weg, so Hofer. Doch gerade in Libyen hat er Fotoinszenierungen nicht erlebt.

Auch bei der großen Fotoagentur Reuters gilt das als absolutes Tabu. Dort, so heißt es im Konzern, wäre ein wie auch immer gestelltes Foto ein absoluter Kündigungsgrund. Das sieht man auch bei der ARD nicht anders. ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke sieht das "puristisch". Auch er lehnt inszenierte Bilder ganz klar ab. "Jeder, der einmal mit einem Team draußen war, weiß, dass man an einer Baustelle einen Arbeiter schon mal bittet, noch einmal den Zementsack von A nach B zu tragen. Aber da bleibt der Vorgang dennoch authentisch. In einer Kampfhandlung ist das jedoch absolut nicht legitim, weil es kein Gefecht zeigt, wenn Leute in die Luft schießen."

Schonungslose Aussichten

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