"Auf der Flucht - das Experiment" auf ZDF Neo Zwischen Trash-Soap und kluger Reportage

Man nehme sechs Deutschen Handys und Pässe ab, verfrachte sie via Südeuropa in Krisengebiete und beobachte, wie sie sich unterwegs fühlen. Mit der Flüchtlings-Dokureihe "Auf der Flucht - das Experiment" liefert das ZDF einen zwiespältigen Beitrag zur Asyldebatte.

Von Irene Helmes

Da stehen sie also. Am Rand von Rom, mitten in Europa, im Elend eines Flüchtlingsslums. Getröstet wird aber kein Bewohner, sondern eine völlig überforderte Blondine auf Durchreise. Das Taschentuch überreicht ihr ein Afrikaner, der soeben laut über den Tod nachgedacht hat. Eine irritierende Szene in einer irritierenden Sendung. Auf der Flucht - das Experiment widmet sich dem Thema Flucht und Asyl auf eine Art, die im deutschen Fernsehen so noch nicht zu sehen war.

Die weinende Deutsche ist Model und Schauspielerin Mirja du Mont, und mit ihr haben sich Stephan Weidner (einst Mitglied der Band Böhse Onkelz), die Streetworkerin Songül Cetinkaya, Nazi-Aussteiger Kevin Müller, Bloggerin Katrin Weiland und der ehemalige Bundeswehrsoldat Johannes Clair auf den Weg gemacht. "Flüchtlinge auf Zeit" sollen sie sein. "Sechs Deutsche mit ganz unterschiedlicher politischer Einstellung", so erklärt das ZDF, "wollen herausfinden, warum Menschen ihr Zuhause und ihre Familien für immer verlassen". Und das sei nicht weniger als "eine Reise, die ihr Leben für immer verändern wird". (Der Trailer zur Sendung ist hier zu sehen).

Das passt zum TV-Versuchslabor von ZDF Neo, doch die Idee hatten andere. "Auf der Flucht" basiert auf dem preisgekrönten Format Go back to where you came from des australischen Sender SBS, von dem bereits zwei Staffeln ausgestrahlt wurden. Auch in Dänemark gab es in diesem Februar eine Variante unter dem Titel Send Dem Hjem (Schickt sie heim). An der deutschen Umsetzung ist nun unter anderem der renommierte Journalist und Nahost-Experte Daniel Gerlach beteiligt, für die Auftragsproduktion wurde vorab laut ZDF mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk kooperiert. Von hehren Absichten darf ausgegangen werden.

Es geht also um Vorurteile, um die Gegenüberstellung von Erwartungen und eigenen Beobachtungen. In zwei Grüppchen aufgeteilt sollen die Teilnehmer, stellvertretend für die Zuschauer, mit ihren Handys und Reisepässen vorübergehend auch ihre Privilegien als EU-Bürger abgeben. Auf unterschiedlichen Routen, einmal via Griechenland Richtung Irak und einmal via Italien Richtung Nordafrika, werden über drei Wochen im Rückwärtsgang Etappen von Flüchtlingen nachgestellt. Doch ist derlei nachzustellen - oder schon der Versuch - absurd und geschmacklos?

Vorsichtig ist das Konzept nicht ausgelegt. Je mehr Zündstoff in der Kandidatenauswahl, desto besser, diese Lektion haben sich die Macher offenbar aus den Casting- und Dating-Shows abgeschaut. "Team Afrika" wie "Team Irak" leben von der extremen Konstellation der Teilnehmer. Die Reihe lässt die Charaktere gezielt aufeinander los - und lässt sie reden, sieht ihnen beim Streiten zu und beim Hadern mit ihren Eindrücken.

Wie ist es, wenn in deutschen Erstaufnahmelagern Asylbewerber mit völlig verschiedenen kulturellen Gewohnheiten zusammenhausen müssen? Wie gekränkt kann sich ein Berliner Nazi-Aussteiger fühlen, wenn ein afrikanischer Einwanderer ihm erklärt, er mache einen großen Bogen um den "Osten"? Wie reagiert man, wenn ein Flüchtling seine Fingerkuppen zeigt, die er verstümmelt hat, um nicht identifiziert und abgeschoben zu werden? Wie führt man ein Gespräch durch den Maschendrahtzaun eines griechischen Flüchtlingscamps?

Die Teilnehmer von Auf der Flucht werden in Situationen gebracht, die sie meist sichtlich überfordern. Die gefühlte Grenze zu Taktlosigkeit, Nabelschau und Katastrophentourismus verläuft dabei je nach Toleranz des Zuschauers sehr unterschiedlich. Off-Kommentare wie "Der Hunger treibt die drei durch die Straßen von Athen, ohne Geld, ohne Handy" oder das erwähnte Taschentuch bieten Angriffsfläche genug.

ZDF Neo nennt die Sendung via Twitter "eine klassische zusammenhängende Dokureihe und keine Dokusoap im normalen Sinne". Allerdings: Es wird gemotzt, es wird geweint, Nazi-Aussteiger Kevin Müller provoziert mit Geschichten vom rechten Rand und will mehrfach nach Hause fliegen. Das Experiment bedient sich aus der Werkzeugkiste von Reality-Formaten, richtig entscheiden kann es sich nicht. Was immer wieder engagierte Reportage ist und durch informative Einspieler Kontext bietet, wirkt an anderen Stellen wie eine Mischung aus billigem Polit-Magazin und Trash-Soap. Die Kamera ist dann unnötig hektisch, die Musik künstlich dramatisch, der Kommentar aus dem Off seltsam verschwörerisch. Unnötige Ablenkung bei dem eigentlich so ambitionierten Projekt.

Denn wie viele Themen passen in vier mal 45 Minuten? Offener Rechtsextremismus und latente Xenophobie in Deutschland, Einwandererschicksale, die soziale Krise in Griechenland, das europäische Asylabkommen "Dublin II", das Ringen um Leben und Tod an den Außengrenzen der EU, Kriege und Bürgerkriege dahinter - Auf der Flucht übernimmt sich. So stehen die Teilnehmer immer wieder ratlos vor dem großen Ganzen, überfordert vom "Gefühl, diese kleinen Puzzleteile anzugucken, und das ist total mühselig", wie Bloggerin Katrin Weiland mitten in Athen klagt.

Heikle Gratwanderung

Nicht nur geografisch, auch moralisch stößt Auf der Flucht an Grenzen, wie die vorab gesehenen ersten beiden Folgen zeigen. Unsicherheit herrscht, wann die Kamera abgestellt werden soll beim epileptischen Anfall eines Flüchtlings, an anderer Stelle klingen Zweifel an, wie "authentisch" das Verhalten vor der Kamera ist.

Streng genommen ist das Experiment von Auf der Flucht von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Allein schon die umgedrehten Reiserouten sind paradox und machen ein halbwegs realistisches Nachvollziehen von Flüchtlingsschicksalen unmöglich, von der Umsetzung ganz abgesehen. Das Wagnis der Teilnehmer ist natürlich nicht existenziell wie bei den Flüchtlingen. Was sie riskieren, sind vor allem Häme und Kritik der Zuschauer.

Das australische Original ist bei seiner Premiere 2011 auf durchaus positives Echo gestoßen und hat sowohl inhaltliche Debatten als auch Diskussionen über die Möglichkeiten und Grenzen von Reality-Shows genährt. SBS versucht derweil gezielt, die Idee nicht verpuffen zu lassen. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte der Sender ein Gespräch mit ehemaligen Teilnehmern zu aktuellen Entwicklungen der australischen Asylpolitik.

Bleibt abzuwarten, wie Auf der Flucht gerade die kritischen letzten Etappen auf dem Weg in den Irak und nach Eritrea präsentieren wird, wie sich die heikle Gratwanderung zwischen Reality und Realität entwickelt. Reizen und irritieren wird die Sendung in jedem Fall. Sie ist kalkuliertes Risiko, macht es aber leider leicht, das Thema zu vergessen und hauptsächlich über die Aufmachung herzufallen. Das zeigen erste Kommentare auf Twitter (#AufDerFlucht) und Vorab-Verrisse in Boulevardmedien.

Zumindest Aufmerksamkeit ist dem Experiment somit sicher, die erhoffte Diskussion weniger. Die wesentliche Grenze des Versuchs hat Teilnehmerin Cetinkaya längst selbst erkannt: "Was die Flüchtlinge durchmachen - das werden wir nie empfinden können."

Auf der Flucht - das Experiment. Vierteilig, ZDF Neo, ab 8. August 2013 donnerstags um 22.15 Uhr. Am 3. und 4. September jeweils um 23.45 Uhr zwei gekürzte Episoden im ZDF.