Arte-Doku über die Zukunft des Journalismus Bleibt alles anders

Journalismus ohne Bart: Bild-Chef Kai Diekmann gibt sich internetaffin.

(Foto: Arte)

Auf den Spuren des "Journalismus von morgen" haben drei Filmemacher Blattmacher, Chefredakteure und Blogger auf der ganzen Welt getroffen. Ihnen gelingt ein spannendes Kaleidoskop aus Nahaufnahmen.

Von Lothar Müller

In den Redaktionsräumen von El País in Madrid stehen die Mitarbeiter vor ihren Computern und protestieren mit einer Schweigeminute gegen Personalkürzungen im Verlag. Zeitungspapier verfliegt über Luftschächten oder wird auf Straßen davongeweht, und auf der Tonspur schließen 150 Tageszeitungen in den USA binnen zehn Jahren.

Aber die Dokumentation Journalismus von morgen - Die virtuelle Feder begnügt sich zum Glück nicht mit einem Abgesang auf die Printmedien, einer Bebilderung des Begriffs "Zeitungssterben". Die beiden Autoren Marie-Eve Chamard und Philippe Kieffer haben von 1985 bis 1995 zehn Jahre lang für die französische Tageszeitung Libération gearbeitet, bevor sie ihre Produktionsfirma Extro für Kulturmagazine und Dokumentarfilme gründeten.

Gut zwei Jahre lang sind die beiden seit Februar 2011 mit dem Filmemacher Pierre-Olivier François als Regisseur von Paris aus durch die Welt gereist, nach Berlin zum Springer-Konzern, zur New York Times, zum Guardian nach London, nach Indien zur Rajasthan Patrika und haben Abstecher in die amerikanische und französische Provinz gemacht, Blattmacher, Chefredakteure, Blogger befragt.

Zielgenau auf die Balkone der Abonennten

Überall ist der Tageszeitungsjournalismus von der fortschreitenden Digitalisierung geprägt, aber während Mathias Döpfner dazu aufruft, "die Idee der Zeitung vom Informationsträger Papier zu emanzipieren", werfen im riesigen Print-Markt Indien die Zeitungsboten die in Hindi gedruckte Tageszeitung bewundernswert zielgenau auf die Balkone der Abonnenten.

Und Wolfgang Blau, der von Zeit Online zum Guardian gegangen ist, um dort an der Digitalstrategie zu arbeiten, ist schon einen Schritt weiter als Döpfner. Das Papier, sagt er, wird als Trägermedium - zum Beispiel für Wochenzeitungen - nicht aussterben, aber das journalistische Modell "Tageszeitung" wird zu Ende gehen.

Der Besuch bei der New York Times bündelt ein Zentralmotiv dieser Langzeitreportage: die Beobachtung des Einstiegs in Bezahlmodelle im Online-Journalismus, der einschneidenden Veränderungen im Arbeitsalltag der Redakteure. Richard W. Stevenson von der New York Times bringt das Ziel auch auf die knappest mögliche Formel: "Es gibt halt Dinge, die kosten Geld."

Der Integration von Print- und Online-Redaktionen begegnen die Filmemacher allerorten, doch die französische Provinzzeitung Journal de Saône et Loire in der Bourgogne etwa stellt nur "nackte Informationen" sowie Videos auf ihre Website, behält die Hintergrundgeschichten also der Druckausgabe vor und verlässt sich dabei auf die "affektive Bindung" ihrer Leser an das Blatt.

"Seid nicht so fixiert auf die Klicks"

Das ist die Stärke dieser Dokumentation: das Kaleidoskop von Nahsichten, die Beobachtung der Arbeitsabläufe, der Überlagerung von neuen und alten Routinen. Das Großthema "Zeitung und politische Öffentlichkeit" streift sie nur am Rande. Und der französische Philosoph, der am Ende über einen möglichen Totalitarismus der Zukunft fabuliert, wirkt ebenso kurios wie die junge Medientheoretikerin, die meint, Plato habe seine Schriftkritik in seiner "Phädra" entwickelt.

Sehr handfest dagegen die Auskunft der New Yorker Firma chartbeat, die digitale Leserforschung betreibt: "Seid nicht so fixiert auf die Klicks, das bringt viel Leid in die Branche. Die meisten Klicks haben immer die billigsten Inhalte und provokantesten Schlagzeilen. Achtet darauf, zu welchen Inhalten die Leute zurückkehren, nur mit Geschichten auf hohem Niveau gewinnt ihr eine treue Leserschaft." Auch das zeigt dieses Kaleidoskop: das Auftauchen alter Slogans in neuen Technologien.

Journalismus von morgen, Arte, 21.30 Uhr.