ARD verfilmt Hesse-Erzählung "Die Heimkehr" Peinliches Schwärmen

Es ist gegen den Willen von Hermann Hesse - der Literatur-Nobelpreisträger wollte nicht, dass seine Literatur verfilmt würde. Nun hat es die ARD trotzdem gemacht. Doch "Die Heimkehr" ist keine gelungene Inszenierung, sondern eine massentaugliche Huldigung mit Publikumslieblingen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Von Barbara Gärtner

Wie tröstlich gerecht es in der Hochkultur bisweilen zugehen kann! Man muss nur lange genug warten, dann kommen die Hymnen von ganz allein. Blöd nur, dass die meisten es nicht erleben, diesen ganzen Geburtstagsjubel und Todestagstrubel. Gerade trifft es Hermann Hesse.

Der ist am 9. August 50 Jahre tot und genauso lange, nein, sogar noch länger, haben sich die Kunststrengen über ihn lustig gemacht. Betulich floskelhafter Kitsch sei das, was er publiziere, kaum zu ertragen vom Steppenwolf bis zum Glasperlenspiel, und das alles nur, weil der Zauber des Anfangs in jedes Poesie-Album hineingeschnörkelt wurde und sich nervende Pubertierende und Hippies stets eben so außerirdisch und besonders fühlen wie Hesses Demians und Goldmunds: geheime Zeichen, Empfindsamkeit und Leben-ist-Einsamsein.

Hinterher ist das den Schwärmern dann meist genauso peinlich wie die Frisur von damals. Aber egal. Jetzt also wird gelobt, und die massentauglichste Huldigung ist, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Publikumslieblinge zusammentelefoniert und eine 20.15-Uhr-Schmonzette aus einem weithin unbekannten Buch macht. Deshalb halbschwäbeln sich August Zirner, Heike Makatsch und Herbert Knaup nun durch einen Film, der sich lose an Hesses Buch Die Heimkehr anlehnt.

In der Erzählung, erstmals 1909 in einer Zeitschrift abgedruckt, 1912 dann als Buch erschienen, geht es um einen Geschäftsmann, der nach langen Jahren in der Ferne ins schwäbische Heimatdorf Gerbersau zurückkehrt. "Geschäfte gemacht und Geld verdient hatte er da und dort, er hatte auch in der Ferne ein Weib genommen und verloren, sich wohl gefühlt und Leid erfahren, allein zugehörig und daheim war er doch nur hier", schreibt Hesse.

Heimat besonders idyllisch zurechterinnert

Dieser August Staudenmeyer (im Buch heißt er Schlotterbeck) ist einer jener Außenseiter, wie sie der Schriftsteller gerne beschrieb. In der Schwarzwaldenge mit Sonntagskirchgängern und Schuhabstreifern hat er es nicht ausgehalten, er ist tapfer fortgegangen, aber als ewiger Sehnsüchtling hat er sich in der Fremde ein besonders idyllisches Bild von der Heimat zurechterinnert.

Daheim sind zwar Menschen gestorben und Häuser abgerissen worden, doch die Stammtischhocker sind noch genauso borniert wie einst und johlen erst freundlich, als ihnen ein Wein - "aber d'r beschde, den sie habe!" - ausgegeben wird. Selbst das "Mohrle", Schulfreund von einst und begabter Maler, haben sie kleingekriegt, die Spießer. Er stirbt, wie sich das gehört, verarmt und unentdeckt.

Nur die Witwe Entriß ist ein Lichtblick in der Fachwerkfinsternis, eine Außenseiterin auch sie, von den Dörflern zum schwäbischen Vamp diskreditiert. Als Strafe Gottes muss sie die geisteskranke Schwägerin hüten, am Ende erledigt sich alles, was im Film dem Glück im Weg steht, von selbst.

Für das Fernsehen ist so ein Hesse-Film durchaus besonders. Zwar gibt es amerikanische Adaptionen von Siddhartha und Steppenwolf, aber das deutsche Fernsehen hat noch keinen Hesse-Stoff produziert. Hesse selbst verdammte Literaturverfilmungen, seine Erbengemeinschaft, sagt auch Christine Strobl, die als Fernsehspielchefin des SWR den Film mitbetreut, sei lange Zeit sehr zurückhaltend gewesen: "Unsere Grundhaltung und der Regieansatz Jo Baiers haben die Erben aber überzeugt. Es war uns ein Herzensanliegen, es zu probieren, und wir hatten auch das Glück des richtigen Augenblicks, weil sich zeigte, dass sich die Haltung der Erben in letzter Zeit ein wenig lockert."

Kein Held, mit dem man mitleidet

Wenn man den Film so anschaut, dann kann man Hesses Zweifel an der Filmkunst verstehen. Die Heimkehr ist genau so, wie Kritiker seine Bücher schimpfen: betulich, eichendorffbrav, plump. Jo Baier, der einst gekonnt Stauffenberg inszenierte, später Nicht alle waren Mörder nach Michael Degens Erinnerungen und Henri 4, schrieb das Hesse-Buch selbst um - und dramatisierte heftig hinein. Das muss gar nicht schlimm sein, wäre es nur nicht so schenkelklopferig geworden.

Es gibt Bürgermeisterböse und Witwengut, dazwischen ist nur (unabsichtlich unsympathisch?) der an sich wunderbare August Zirner. Er hat sich mit der Rolle des Heimkehrers jedenfalls keinen großen Gefallen getan. Er spielt den Weitgereisten, ja, Andersdenkenden, als aufgeblasenen Snob. Mit Brille und Sommer-frische-Leinenanzug wurde er zum Hesse gestylt, so flaniert er umher.

Bis zum Schluss wünscht man sich, dass er sich als Hochstapler entlarvt, oder wenigstens eine Ohrfeige bekommt. Ein Held, mit dem man mitleidet ist er jedenfalls nicht.

Nur Heike Makatsch als angefeindete und heiß begehrte Witwe ist erstaunlicherweise eine Freude in all dem Volkstheater. Das Dorf ist ein Freilichtmuseum, die Kinder laufen barfuß umher, der ganze Pietismus, der Ordnungseifer, die finstre Enge - alles wird gefilmt aber nicht aus seiner Tradition heraus begründet. Der arme Hesse. Erst wurde er verachtet - und jetzt wird er so geehrt.

Die Heimkehr ARD, 20.15 Uhr. - Im Anschluss, um 21.45 Uhr, wird noch die Dokumentation Hermann Hesse Superstar ausgestrahlt.