ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" Schluss. Aus. Amen.

Das Erste ermahnt seine Zuschauer: "Sie werden sterben", teilt es ihnen mit. Und widmet eine ganze Woche dem Thema Tod. Geboten sind Talkshows, Reportagen, Ratgeber und gleich zwei Spielfilme, doch fiktionales Fernsehen schafft die Sterbevorbereitung kaum.

Von Barbara Gärtner

Gestorben wird im Fernsehen dauernd. Jeden Abend gibt es Leichen im Krimi, in Serien-Operationssälen und in den Nachrichtensequenzen; schön für den Kommissar drapiert, als Emotionsglutamat für Doktor Grey. Der Tod befeuert das Programm, nur vom Sterben, diesem manchmal jahrelangen, immer niederschmetternden Elend bekommt man im Fernsehen nichts mit.

Nun ist Fernsehen ja Fernsehen und die Wirklichkeit meist etwas anderes. Aber auch in unserer Lebenswelt wurden die Friedhöfe vom Ortskern an die Stadtgrenzen gedrängt, raus aus dem Blickfeld, damit man den Ort der Toten genauso verdrängen kann wie den Tod als Tatsache.

Mit dem Verdrängen macht die ARD jetzt eine Woche lang Schluss. "Sie werden sterben. Lasst uns darüber reden", so bewirbt der Sender die diesjährige Themenwoche "Leben mit dem Tod". Mit so einer Themenwoche ist es ja wie mit den Projekttagen in der Schule. Auch da werden Sozialkunde-Themen mit Entertainment-Bohei garniert, um ihnen das Zeigefingrige zu nehmen. Und so schiebt auch die ARD zwei fiktionale Sendungen ins Programm: Blaubeerblau am Mittwochabend sowie Und dennoch lieben wir am Freitag. Daneben gibt es das Übliche: Günther Jauch diskutiert über den Krebs-Tatort, Frank Plasberg über Sterbehilfe, Willi will wissen, wie sich Altsein anfühlt, und der Ratgeber Haus + Garten beschäftigt sich mit Friedhofsbepflanzung.

Kann das funktionieren? Leiden als Unterhaltung? Also jenseits von Der englische Patient? Denn Spielfilme zum Thema Tod haben immer ein dramaturgisches Defizit: Damit der Zuschauer mitleidet, muss der Held ein feiner Mensch sein, doch wenn der dann stirbt, ist ein Happy-End schwierig. Überhaupt: Läuft ein Film zum Thema Tod, wartet man ständig auf die Nachricht, wer denn nun abdanken soll - vor allem, wenn sich Programmzeitschrift und Fernsehkritik mal ausnahmsweise zurückgehalten haben mit der Inhaltsangabe.

Große Dramen

Und dennoch lieben wir ist so ein Film, der schwer zusammenzufassen ist, ohne zu viel zu verraten. Bis zur Hälfte sieht man einem Ehe-Übel zu. Einem Paar, das eigentlich nicht zu klagen hätte, weil das Haus so schick ist und die Kinder so wohlgeraten und die Berufe so interessant und lukrativ sind, ist die Leidenschaft abhanden gekommen. Anne, die Ärztin in ihrer Kurz-vor-Vierzig Krise lernt dann Carolin kennen. Die Söhne gehen in dieselbe Klasse, die Mütter trinken zusammen Wein, kichern, kochen, tanzen keck ein wenig Samba - was Frauen eben so machen, wenn sie im Fernsehen ausgelassen sein sollen.

Weil Carolin ein liebreizendes Schneewittchen aus Chile ist, steckt sie die etwas lahm gekleidete und vernünftig wirkende Anne mit Albernheit an, irgendwann trägt Anne sogar bunt. Nacherzählt klingt das wie konventionelles Werktagsfernsehen, das Regisseur Matthias Tiefenbacher (Buch: Martin Kluger und Maureen Herzfeld) unaufgeregt inszeniert, wenn man von ein paar Zeitsprüngen mal absieht.

Zum Fernsehglück wird Und dennoch lieben wir, weil die Degeto-Produktion eben nicht mit den konventionellen Gesichtern besetzt wurde. Claudia Michelsen hetzt hier durch ein Leben, das ihr fremd geworden ist, und weil sie diese Frau so zurückgenommen und beherrscht spielt, entstehen für den Betrachter große Dramen.

Auch Blaubeerblau (Regie: Rainer Kaufmann) ist sehr gut besetzt und trotzdem ein so viel schlechterer Film, auch wenn er sich viel vorgenommen hat. Erzählt wird die Geschichte von Fritjof Huber (Devid Striesow), der ein komischer Kauz ist, sich aber nur für Meisen interessiert. Dass er mit Gefühlen nicht so kann, zeigt schon in der minimalistisch kalten Wohnung.

Der Mann zeigt kein Gefühl - kein Wunder, dass die Beziehung trudelt. Das macht ihm allerdings weniger aus, als das Projekt, das ihm seine dominante Chefin im Architekturbüro aufbrummt: Er soll ein Sterbehospiz vermessen, damit es umgebaut werden kann. Fritjof grummelt, grantelt, will nicht, doch als er dort seinen alten Schulkameraden Hannes (Stipe Erceg) trifft, wird aus dem Sonderling ein netter Kerl.

Kerze vor der Krankentür

Bei diesem Film, der gleichzeitig komisch und tieftraurig sein will, stimmen aber leider weder Timing noch das Buch. Fritjof ist ein Mann um die Vierzig, der "So'n Quatsch" sagt, und das Hospiz ist eine liebevolle Villa Kunterbunt, manchmal brennt nur eine Kerze vor der Krankentür, dann war im Zimmer drinnen eben Schluss. Dagegen ist das Architekturbüro ein eisiger Kühlschrank in dem nichts mehr lebt außer der Angst.

Das Leben ist ein einziger Sterbevorbereitungskurs, sagte vor ein paar Wochen der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio in der wunderbaren Sendung Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens, die man noch online anschauen kann. Fiktionales Fernsehen schafft diese Vorbereitung kaum. Indirekt zeigt es aber, welches Bild wir uns vom Sterben gerne machen würden. Denn die Protagonisten erliegen einem Kameliendamentod: schön, hohlwangig, blass und ziemlich ätherisch.

Lernen kann man da wenig, im besseren Fall leidet man eben ein bisschen mit.

Blaubeerblau, ARD, Mittwoch, 21. November, 20.15 Uhr. Und dennoch lieben wir, ARD, Freitag, 23. November, 20.15 Uhr.