ARD-Krimi Duell der Schmerzensmänner

Maskenhafte Kälte: Matthias Brandt als Entführer.

(Foto: Degeto)

In "Sanft schläft der Tod" treffen Matthias Brandt und Manfred Zapatka aufeinander. In ihrem Konflikt brutalisiert sich dieser Film, der im letzten Akt emotional herausfordernd wird.

Von Stefan Fischer

Zwei Häutungen macht dieser Film durch. Nach jeder erscheint er in einem besseren Gewand als zuvor. Das ist die Stärke von Sanft schläft der Tod: Der Krimi hat bis zum Schluss die Kraft, sich zu wandeln und noch einmal zusätzlich Fahrt aufzunehmen. Es zeigt aber auch seine Schwäche: Er kommt über eine längere Zeit nicht vom Fleck.

Ein Segelboot wird entführt aus dem Hafen des Ostseebades Binz auf Rügen, an Bord die beiden Kinder von Anja und Frank Mendt. Vermutlich wäre man selbst extrem hysterisch, wenn einem so etwas wiederführe. Aber das Augenaufreißen und Kreischen und Keifen von Marleen Lohse und Fabian Busch ist schauspielerisch dann doch die hausbackenste Art, das Entsetzen der Eltern auszudrücken. Derlei Holzschnittartigkeit und auch Schwerfälligkeit bleiben dem Film von Marco Kreuzpaintner (Regie) und Holger Karsten Schmidt (Buch) erhalten, auch wenn sie im weiteren Verlauf deutlich abnehmen.

"Polizisten finden fast immer doof, was wir machen"

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Diese Entführung nun setzt den ersten Häutungsprozess des Films in Gang. Sie ruft eine Reihe Figuren auf den Plan, die alle gleichermaßen wichtig erscheinen und vielfach paarweise bereits eine Geschichte miteinander haben: Das Verschwinden der Kinder ist das akuteste, aber womöglich nicht das gravierendste Problem. Nach dieser Wandlung, dieser Weiterung ist die Geschichte deutlich komplexer, man hält als Zuschauer nun etliche lose Fäden in Händen. Es sind allerdings so viele, dass man nicht recht weiß, welchen von ihnen man folgen, für welche Konflikte und Figuren man sich eigentlich interessieren soll. Damit die Verwirrung nicht gar zu groß wird, erfährt der Zuschauer deshalb ziemlich unmissverständlich, wer sich hier verrennt und wer auf der richtigen Spur ist - sowohl in dem Entführungsfall als auch in den zahlreichen Nebenhandlungen.

Der Krimi spitzt sich zu auf ein perverses Gedankenspiel

Das ist alles bestenfalls mittelspannend und in seiner Konstruiertheit auch dick aufgetragen. Dann aber verändert sich Sanft schläft der Tod noch einmal - und diese Wandlung ist stark. Der Film trennt sich von einigen Figuren und lässt die meisten Konflikte entweder gelöst oder halb auserzählt zurück. Er spitzt sich zu auf ein perverses Gedankenspiel, das der Entführer der Mutter aufzwingt. Und er konzentriert sich auf zwei Schauspieler: auf Matthias Brandt, der den Entführer spielt, und auf Manfred Zapatka, den Großvater der gekidnappten Kinder, ein Hartz-IV-Alkoholiker mit Polizei- und Stasi-Vergangenheit.

In diesen beiden brutalisiert sich der Film, der im letzten Akt emotional herausfordernd wird. Matthias Brandt stülpt seiner Figur eine maskenhafte Kälte über, hinter der man einen tiefen Schmerz schlummern sieht. Manfred Zapatka entfaltet aus den Furchen seines Gesichts die Lebensgeschichte eines Mannes, der eine Torheit begangen hat, die ihn über die Jahre und Jahrzehnte alles gekostet hat. Zwei gekränkte Seelen, von denen eine sich für die helle und die andere für die dunkle Seite entschieden hat. Deren Geschichten erzählen Schmidt und Kreuzpaintner mit einer kaum noch für möglich gehaltenen, so zerrüttenden wie notwendigen Rigorosität zu Ende.

Sanft schläft der Tod, Das Erste, Samstag, 20.15 Uhr.