ARD-Film über Scientology Kampf der Thetanen

Der ARD-Film Bis nichts mehr bleibt erzählt die wahre Geschichte einer Familie, die zerrissen wird von Scientology. Das Urteil ist eindeutig: Scientology ist eine totalitäre Gefahr.

Von Marc Felix Serrao

Jürg Stettler ist bestens informiert. Gerade sei in München eine Vorführung gewesen, sagt der Sprecher von Scientology Deutschland. "Da waren wir auch nicht eingeladen." Wie er so schnell von dem Termin Mitte vergangener Woche erfahren hat, sagt er nicht. Der Südwestrundfunk (SWR) hatte nur wenige Journalisten in ein Programmkino eingeladen.

Alle wurden mit Handschlag begrüßt, DVDs zum Mitnehmen gab es "aus Sicherheitsgründen" keine. Das offenbar geheimnisvolle Projekt will die ARD am 31. März um 20:15 Uhr zeigen. Ob es soweit kommt, ist noch nicht sicher.

Will Scientology den Film verhindern? "Das ist offen", sagt Stettler: "Das müssen Anwälte prüfen." Die ARD versuche "alles, damit wir den Film vor der Ausstrahlung nicht sehen".

Trotzdem scheint Stettler gut zu kennen, worum es inhaltlich geht: "Es ist eine Verletzung der Programmrichtlinien der ARD, was dort verbreitet werden soll. Der Sender ist verpflichtet, religiöse Toleranz zu fördern, nicht umgekehrt."

"Das Gegenteil ist wahr"

Bis nichts mehr bleibt (Buch und Regie: Niki Stein) erzählt die Geschichte einer Familie, die zerrissen wird von Scientology. Es ist ein spannender Film mit einem starken Ensemble (Nina Kunzendorf, Kai Wiesinger, Silke Bodenbender u. a.).

Und es ist eine Premiere. Bisher hat kein deutscher Fernsehsender das heikle Thema Scientology zu einem fiktionalen Stoff verarbeiten lassen. Gedreht wurde an Originalschauplätzen, so auch vor der Europazentrale der Scientologen in Kopenhagen. Vom Mitgliederjargon, in dem man von einer bestimmten Stufe an "Operierender Thetan" ist (mit speziellem Armbändchen), über die harten Schulungsmethoden bis hin zu den güldenen Bühnenbildern bei Feierlichkeiten, ist der Film sehr auf eine authentische Darstellung ausgerichtet. Die Botschaft ist eindeutig: Scientology, so wird die Organisation gezeigt, ist eine totalitäre Gefahr, die den Prinzipien einer freien Gesellschaft widerspricht.

Während der Film entstand, den das in Berlin ansässige Unternehmen Teamworx für SWR, NDR und Degeto fabriziert hat, suchte Scientology mit Anrufen, E-Mails und Briefen den Kontakt. Inzwischen hat die Organisation, die sich selbst als Kirche bezeichnet, auf Konfrontation umgestellt. "Scientology macht jetzt einen eigenen Film", kündigte ihr Sprecher an. Geplant sei eine circa halbstündige Doku, "mit Interviews und Gerichtsurteilen". Der Film werde gerade im Schneideraum bearbeitet und solle in ein bis zwei Wochen vorgestellt werden, vermutlich in Hamburg oder München. "Wir werden zeigen, dass die von der ARD engagierte sogenannte Expertin Ursula Caberta die Medien mit falschen Informationen füttert", sagt Stettler. Auch die Geschichte des Vaters, der im Film sein Kind durch Scientology verliert, sei erfunden: "Genau das Gegenteil von dem, was die ARD zeigt, ist wahr."

"Kaltblütig, skrupellos, hemmungslos"

Kann es sein, dass Scientologen auf eine fiktionale Aufarbeitung ihrer, ja, Methoden, ihrer Religion nicht vorbereitet waren? Dem Vorwurf, Scientology falsch darzustellen, widersprechen SWR und Teamworx: "Wir haben bewusst einen Spielfilm gemacht, keine politische Gesamtanalyse von Scientology, weil wir so viele Menschen wie möglich erreichen wollten", sagt Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des SWR. Trotzdem gehe es um eine "wahre Geschichte". Neben dem Einzelschicksal, auf dem diese basiere, seien weitere Fälle eingeflossen - Fälle, "von denen wir wissen, dass sie so stattgefunden haben".

Ähnlich äußert sich auch Benjamin Benedict, der bei Teamworx für Bis nichts mehr bleibt zuständige Produzent. Neben einem ausführlichen Literaturstudium sei monatelang mit Scientology-Aussteigern gesprochen worden. Und richtig, Ursula Caberta habe beratend zur Seite gestanden. Die 59-Jährige ist Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Stadt Hamburg, sie ist eine der schärfsten Kritikerinnen der Organisation in Deutschland. Caberta sei "seit Jahren mit der Thematik beschäftigt", sagt Benedict, der auch Produzent des sehr guten Doku-Dramas Dutschke ist, das Ende April im ZDF zu sehen sein wird. Er ist im Gespräch auffallend zurückhaltend. Zur Frage, ob er um die Ausstrahlung des Films fürchte, will er sich nicht äußern.

Die Vorsicht der Filmemacher, die der Spiegel nach einer ersten Pressevorführung in Hamburg schnoddrig als "Geheimniskrämer-Tamtam" bezeichnet hat, ist nachvollziehbar. Wie gefährlich die in vielen Ländern als Religion anerkannte "Church of Scientology" wirklich ist, können Außenstehende nur schwer beurteilen. Doch wenn es darum geht, gegen Kritiker vorzugehen, ist die Gemeinschaft nicht zimperlich. Im Bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2008 etwa wird aus der Einführung in die Ethik der Scientology von ihrem Gründer L. Ron Hubbard zitiert: "Um die Macht zu behalten", heißt es da, müsse man "kaltblütig, skrupellos, hemmungslos, gegebenenfalls auch heimtückisch, hinterlistig und mit Gewalt gegen die eigenen Feinde vorgehen".

Die Macht verliert in Bis nichts mehr bleibt der junge Hauptdarsteller Felix Klare (den man als Kommissar Bootz aus dem Stuttgarter Tatort kennt): erst über sich, dann über seine Familie. Scientology gewinnt - auch wenn die Organisation in diesem speziellen Fall wohl alles tun wird, um das Gegenteil zu beweisen.