ARD-Doku über Missbrauchsskandal Verstörte Kinder Gottes

Für "Das Schweigen der Männer" haben die Autoren die Geschichten aus den Interviews und den Gerichtsprotokollen zu düsteren Comics verdichtet.

(Foto: NDR)

ARD und BR bilanzieren in einer Dokumentation den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche - kritisch, aber nicht polemisch. Eine Dreiviertelstunde bester Aufklärung.

Von Matthias Drobinski

Es sind diese Zeichnungen ins Schwarz und Weiß, die im Zuschauer die Beklemmung wachsen lassen. Sebastian Bellwinkel und Birgit Wärnke haben auf die üblichen Betroffenen-Interviews verzichtet, bei denen Opfer ihr Gesicht nicht zeigen wollen und deshalb im Halbdunkel reden, mit verpixelten Gesichtern, als seien sie die Täter. Sie haben die Geschichten aus den Interviews und den Gerichtsprotokollen zu kleinen, düsteren Comics verdichtet. E

in großer mächtiger Mann mit Priesterkragen und spiegelnden Brillengläsern verborgen, beugt sich über ein schockstarres Kind mit angstgeweiteten Augen, eine Hand tastet sich vor. Und man ahnt, warum die Opfer sexueller Gewalt oft ein Leben lang nicht von der Tat loskommen, erst recht nicht, wenn der Täter Gott auf seiner Seite zu haben scheint.

Liegt es auch an Einsamkeit und Zölibat? Diese Frage schiebt die katholische Kirche weg

Eine Dreiviertelstunde widmet das Erste an diesem Montag noch einmal dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, dessen ganze Dimension vor etwas mehr als fünf Jahren Ende Januar 2010 offenbar wurde (der Bayrische Rundfunk folgt mit einem Beitrag, der sich vor allem mit den Fällen in Bayern beschäftigt, am 18. März um 19 Uhr).

Bislang Unbekanntes oder besonders Unerhörtes haben die beiden Autoren nicht herausgefunden. Aber sie bieten eine gute Zusammenfassung und Analyse des Skandals, der die katholische Kirche in die tiefe Glaubwürdigkeitskrise stürzte. Sie ist bis heute noch nicht überwunden, bis heute haben die katholischen Bistümer und Ordensgemeinschaften noch längst nicht abschließend aufgearbeitet, wie es zu den Übergriffen kommen konnte, warum sie so lange verborgen blieben und, wurde etwas bekannt, die Kirche eher die Täter und die Institution schützte, als den verstörten Kindern zu helfen.

Das zeigen Bellwinkel und Wärnke vor allem am Beispiel des Aufarbeitungsprojektes der deutschen Bischofskonferenz. Es scheiterte Anfang 2013 zunächst, weil der Kriminologe Christian Pfeiffer und die Bischöfe sich darüber zerstritten, wie viel Kontrolle die Kirche über das Projekt haben sollte. Nun gibt es einen durchaus ehrgeizigen Neuanfang mit einem Forscherkonsortium, doch nach wie vor haben nur Kirchenmitarbeiter Zugang zu den Personalakten, nach wie vor wird nicht untersucht, wie die Verantwortlichen in den Bistümern mit Missbrauchsfällen umgingen. Und nach wie vor schiebt die katholische Kirche die Frage weg, inwieweit die Einsamkeit und Beziehungsarmut vieler zölibatär lebender Kleriker doch einer der Faktoren ist, die sexuelle Übergriffe befördern.

Der NDR-Film ist kritisch, ohne polemisch, hämisch oder klischeehaft zu werden. Am Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode zeigt er, dass es auch Bischöfe gibt, die Transparenz und Aufarbeitung dringend wünschen - und lässt die Gegenkräfte ahnen, die da bremsen. Die Autoren lassen mit Matthias Katsch, dem Sprecher des "Eckigen Tisches", einen klugen Betroffenen zu Wort kommen. Und mit Jesuitenpater Klaus Mertes jenen Kirchenmann, der den Skandal 2010 öffentlich machte und der das Skandalöse auf den Punkt bringen kann wie kein zweiter. Eine Dreiviertelstunde bester Aufklärung, leider zu nachtschlafender Zeit.

Das Schweigen der Männer, ARD, 23.30 Uhr