ARD-Doku über die Prügelstrafe Zum Heulen

"Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie" erzählt von der Prügelstrafe in Deutschland.

(Foto: WDR/akg-images)

Drei Menschen erinnern sich an ihre Kindheit, in der sie geschlagen wurden. Die einfühlsame wie kluge Doku "Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie" erzählt die Geschichte der Prügelstrafe in Deutschland - und berührt dabei ganz unmittelbar.

Von Gerhard Matzig

Gut, dass die ARD-Dokumentation "Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie'' nur 45 Minuten dauert. Sonst würde man doch noch in Tränen ausbrechen. Vielleicht, weil man Kinder hat oder haben wird. Oder weil man Eltern hat oder hatte. Und in jedem Fall deshalb, weil dies ein Film über die Liebe ist.

Besser gesagt: über das Scheitern daran, über die abgrundtiefe Grausamkeit unter einem dünnen Firnis elterlich-ziviler Zuwendung. Die innigste, selbstloseste und selbstverständlichste Liebe ist im Grunde die zwischen Kind und Vater/Mutter. Und wenn das Symbol dieser Liebe irgendwann der Teppichklopfer, der Rohrstock oder gar die Peitsche ist (oder, womöglich noch verletzender, die Macht der Psychologie), dann wird aus der innigsten Liebe die schrecklichste Not.

Dieser Film informiert also nicht nur - er berührt einen. Es ist nur eine 45-Minuten-Dokumentation. Aber dokumentiert wird ein lebenslängliches Drama.

Dass der Film bisweilen stilistisch überambitioniert erscheint und es zu viele weich gezeichnete Erinnerungsmotivik (alte Ranzen, kurze Hosen, knarzende Treppen) zu dräuender Musik gibt? Geschenkt. Dass die Expertise aus Pädagogik und Psychologie mit Blick auf die Folgeschäden zu Lasten der historischen Einordnung etwas zu kurz kommt: ebenfalls geschenkt.

Denn es ist ein Film, der viel unmittelbarer berührt. Oft lässt sich das nicht mehr sagen über das Fernsehprogramm. Dass solche Filme zu einer vernünftigen Zeit ausgestrahlt werden, ist wahrscheinlich eine dermaßen absurde, kindlich-naive Vorstellung, dass man dafür von den Programm-Direktoren öffentlich-rechtlicher Versendeanstalten gezüchtigt werden dürfte - wäre das Kinderrecht auf eine gewaltfreie Erziehung und somit das Ende der Prügelstrafe nicht seit dem Jahr 2000 im deutschen Rechtssystem verankert.

Erst seit einigen Jahren also. Auch das gibt dem Film Unmittelbarkeit und Aktualität: Das Böse ist unter uns. Die Opfer leben in unserer Mitte. Auch zu Zeiten, da die antiautoritäre Erziehung längst zu ganz anderen Problemen geführt hat: zu der Weigerung mancher Erwachsener, ihr Kind "mit einem ,Nein' zu umstellen". Also: es zu erziehen.

Drei Hauptprotagonisten erzählen

Der so einfühlsame wie kluge Film von Erika Fehse (nach einer Idee von Ingrid Müller-Münch, die vor einigen Jahren mit dem Buch "Die geprügelte Generation" Erfolg hatte) ist deshalb so anschaulich, weil er die - übrigens: sehr deutsche - Geschichte der Prügelstrafe, die in Wahrheit einfach eine besonders teuflische Geschichte der Gewalt und der weitverbreiteten Gewaltbereitschaft gegenüber schutzlosen, ausgelieferten Wesen ist, samt der gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekte dramaturgisch geschickt mit den Erinnerungen dreier Hauptprotagonisten verschmilzt, die zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen politischen Systemen von ihren Eltern geschlagen, gezüchtigt, gedemütigt und nicht zuletzt: verraten worden sind.

Da ist etwa Tilman Röhrig (geboren 1946), Spross einer kinderreichen protestantischen Pastorenfamilie. Sein Vater schlug ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit bis aufs Blut - immer im Namen des Herrn und getreu dem alttestamentarischen Motto "wer seine Rute schonet, der hasset seinen Sohn".

An der Stelle, an der Röhrig, der mittlerweile ein bekannter Schriftsteller und Drehbuchautor ist, sagt, es sei "seine größte Lebensleistung", dass er gelernt habe, seinen Vater nicht zu hassen", möchte man verzweifeln. Zuvor hatte der erwachsene Mann mit dem gar nicht leidend, sondern liebevoll wirkenden Gesichtsausdruck auf das spitzgiebelige Häuschen seiner Kindheit gezeigt, auf das Kinderzimmer, das er einmal "Schlachtstube", ein anderes Mal "Vorhölle" nennt.

Dort sei der Vater "hinaufgestiegen, abends, wenn es wieder soweit war, mit der Reitpeitsche". Dann floss das Blut. Und dann, der weinende, blutende kleine Junge liegt angsterfüllt in seinem Bett, kommt der Vater, Christ und Diener seines Herrn sowie Prediger der Liebe, noch einmal in die Schlachtstube, um seinen Sohn eindringlich zu fragen: "Tilman, höre, liebst du denn deinen Vater auch?"

Weit verbreitetes Massenphänomen

Quentin Tarantino hätte sich so viel Böses kaum besser ausdenken können. Einmal sagt Röhrig, der sich erst spät, viel zu spät wehren wird, "da war doch immer diese Sehnsucht in mir, jemanden zu lieben ... geliebt zu werden." Er bleibt kinderlos. Lebt allein. Hatte nicht den Mut. Wieder so eine Stelle, wo man losheulen könnte.

Die Leidens-Biografie von Röhrig und anderen Opfern deutscher Nachkriegs-Pädagogik zeigen das Massenphänomen auf, das als gesellschaftliches, ja un-kulturelles Erbe von Zucht und Ordnung weit verbreitet war. Über die Privatwohnung hinaus fand es sich überall im öffentlichen Raum, in Schule, Hort, Kita, bei den Pfadfindern, im Chor ... Fand? Der letzte Satz im Film ist dieser: "Etwa jedes dritte Kind wird auch heute noch von Erwachsenen geschlagen."

Dieser Artikel ist deshalb auch explizit dem nervenschwachen Sportlehrer eines Gymnasiums im Münchner Osten gewidmet: Bitte hören Sie auf, den Schülern in der sechsten Klasse zu sagen, dass Ihnen, sollten die nicht endlich still sein, demnächst wohl mal die Hand ausrutschen werde. Schauen Sie sich diesen Film an und Ihr Verhältnis zur Idee der ausrutschenden Hand wird sich dramatisch verändern. Hoffentlich.

Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie | Video verfügbar bis 07.04.2015