Anschlag auf Satiremagazin "Charlie Hebdo" und die Kunst, böse zu sein

Unter den Toten sind (von links) die Zeichner Bernard Verlhac ("Tignous"), Herausgeber Stéphane Charbonnier ("Charb"), Georges Wolinski und Jean Cabut ("Cabu").

(Foto: dpa)

Ohne Werbung, aber nie ohne Aufreger: Das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" gründete sich dank eines Skandals - und verteidigt seither das Recht, dass Satire alles darf.

Von Claudia Tieschky

Das Satire-Magazin Charlie Hebdo gibt es in Frankreich mittwochs am Kiosk, ganz ohne Werbung, niemals ohne Aufreger. Schon die Gründung des Magazins verdankt sich einem Skandal, bei dem die Provokation mitten ins Herz einer Gesellschaft ging, in dem Fall der Gaullisten Frankreichs: Damals wurde der Vorgänger mit dem bezeichnenden Namen Hara-Kiri von Amts wegen verboten, weil er zum Tode des Generals einen schwer verdaulichen Witz auf der Titelseite machte ("Bal tragique à Colombey - 1 mort"). Die Leute von Hara-Kiri (bei Kiri klingt im Französischen stets die Wendung "qui rit" mit - "der lacht") gründeten darauf die Zeitschrift Charlie Hebdo. Der Name leite sich von der Peanuts-Figur Charlie Brown ab, sagen die einen. Andere meinen, es ein Gruß an Charles de Gaulle gewesen.

Charlie Hebdo hat seither das Recht verteidigt, dass Satire alles darf und die Kunst gepflegt, gegen alle - und gerne gegen alle Religionen - geschmacklos und böse zu sein. Auf dem Titel einer Ausgabe zur Abdankung von Benedikt XVI sah man den Papst - in inniger Umarmung mit einem mädchenhaft errötenden Schweizer Gardisten - rufen: "Endlich frei!" Man sah den rechten Hetzer Dieudonné, bekannt für den Gruß mit dem gestreckten Arm, der von einem eben solchen penetriert wurde; man sah Leichen im Wasser treiben, während Front-National-Chefin Marine Le Pen ihr Programm für die Flüchtlinge auf Lampedusa erklärt. Auf dem Titel von Charlie Hebdo erblondete Präsident François Hollande dank einer Angela-Merkel-Perücke und der dicke Schauspieler und Neu-Russe Gérard Depardieu überrollte, zum Panzer mutiert, für Putin die Ukraine.

Mohammed-Karikaturen brachten Aufmerksamkeit

Besonders große Aufmerksamkeit brachten zuletzt Provokationen, die islamischen Bürgern Toleranz abverlangten: Nachdem das Blatt zunächst die Mohammed-Karikaturen des dänischen Jyllands Posten nachgedruckt und seine Verkaufszahlen damit verdreifacht hatte, kam im November 2011 eine Sondernummer mit dem Titel "Charia Hebdo". Am Vorabend der Auslieferung wurde der Redaktionssitz Ziel eines Brandanschlags, was Charlie Hebdo nicht daran hinderte, ein Jahr später eine neue Karikaturenserie über Mohammed anzukündigen. Die französische Politik reagierte mittelgenervt, schloss vorsorglich die Botschaften in 20 Ländern und stellte Polizeischutz für den Redaktionssitz in Paris.

Der Zeichner Stéphane Charbonnier, genannt Charb, leitete das Satiremagazin seit 2009. Nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im Jahr 2012 sagte er: "Ich habe keine Angst vor Repressalien. Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keine Schulden. Das klingt jetzt sicherlich ein bisschen schwülstig, aber ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben."

Charb gehört zu den am Mittwoch Ermordeten, ebenso wie seine drei Kollegen Cabu, Wolinski und Tignous. Auf Twitter drückten Menschen nach dem Anschlag ihre Anteilnahme und Trauer unter dem Hashtag #jesuischarlie aus.