Alice Schwarzer beim Kachelmann-Prozess Anschein der Unparteilichkeit

Bei dieser Sichtweise gerät allerdings aus dem Blickfeld, dass es nicht Claudia D., sondern Jörg Kachelmann ist, der vier Monate in Untersuchungshaft saß, und dem im Fall seiner Verurteilung eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren droht - ganz zu schweigen von der schon jetzt irreparablen Beschädigung seiner beruflichen Laufbahn und seines öffentlichen Ansehens.

Aus Schwarzers Sicht, dieses Fazit kann man aus ihren Kommentaren ziehen, steht Claudia D. stellvertretend für alle betrogenen, gedemütigten, sexuell ausgebeuteten Frauen, unabhängig davon, ob die behauptete Vergewaltigung nun tatsächlich so stattgefunden hat oder nicht. Dieser Frau gilt ihr Mitgefühl, auf ihre Seite stellt sie sich, um das vermeintliche Übergewicht der anderen Seite auszugleichen. Claudia D., schreibt Schwarzer, scheine zu jener Kategorie Opfer zu gehören, die auf sexuelle Gewalt "sprachlos und wie gelähmt" reagierten. Vieles deute darauf hin, dass sie "besonders eingeschüchtert" sei: "So wartete sie elf Jahre lang geduldig auf ihn (Kachelmann) und fügte sich willig seinen sadistischen Sexneigungen."

Das mag so sein - oder auch nicht. Problematisch ist nicht, dass Alice Schwarzer Partei ergreift, problematisch ist, dass sie sich dabei den Anschein der Unparteilichkeit gibt. Schwarzer stand, wie sie am Rande des Prozesses im Kreis von Journalisten berichtete, vorübergehend in E-Mail-Kontakt mit Claudia D. Kurz vor Prozessbeginn habe sie diesen Kontakt abgebrochen, weil sie ihre Objektivität in der Berichterstattung nicht habe gefährden wollen. Immer wieder findet sich in ihren Kommentaren der Hinweis, dass "noch immer" oder "weiterhin" Aussage gegen Aussage stehe, dass es "zwei Wahrheiten" gebe, dass Kachelmann "vielleicht ja doch" freigesprochen werde.

Das klingt, in seiner steten Wiederholung, etwa so überzeugend wie Marc Antons berühmter Satz in seiner Rede an die Bürger Roms nach der Ermordung Caesars: "Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann."