Alice Schwarzer beim Kachelmann-Prozess Mitgefühl für die Frau

Feministin Alice Schwarzer nahm sich vor, den Prozess gegen Jörg Kachelmann in der "Bild"-Zeitung journalistisch zu begleiten. Konnte das gutgehen?

Von Hans Holzhaider

Für einen Menschen oder für eine Idee Partei zu ergreifen, ist eine ehrenwerte Sache. Wer Partei ergreift für Menschen, die nicht oder nicht hinreichend für sich selbst sorgen können, für Opfer von Krieg, Gewalttaten oder Diskriminierung, für Flüchtlinge, für Hungernde, für misshandelte Kinder, ganz allgemein: für Benachteiligte, der kann Respekt und Unterstützung erwarten.

Aber eines kann er (oder sie) nicht: In einem Streit, der seine (ihre) "Partei" betrifft, unparteiisch sein.

Alice Schwarzer, 68, Gründerin, Verlegerin und Chefredakteurin der feministischen Zeitschrift Emma, hat Partei ergriffen, ein für alle Mal, für die Sache der Frauen. Seit Jahrzehnten kämpft sie dafür, aufrecht, unerschrocken, gegen vielerlei Widerstände - aber nun will sie in einem erbitterten Streit zwischen einer Frau und einem Mann unparteiisch sein. Die "Journalistin und Feministin" (so firmiert sie auf ihrer Homepage im Internet) kommentiert in der Bild-Zeitung den Prozess gegen Jörg Kachelmann, der beschuldigt wird, seine langjährige Geliebte Claudia D. unter Todesdrohungen vergewaltigt zu haben. Sie tut das erklärtermaßen in der Rolle der Journalistin, die sich der Objektivität verpflichtet fühlt. Konnte das gutgehen?

Mittlerweile sind 17 Kommentare erschienen. Es ist nicht gutgegangen.

Am 6. September 2010, dem ersten Verhandlungstag im Prozess gegen Jörg Kachelmann, rechtfertigte Alice Schwarzer die überraschende Wahl des Mediums, für das sie nun publizieren würde. Bild, mit dem nahezu täglich auf der Titelseite präsentierten barbusigen Mädchen, ist nicht gerade ein feministisches Fachblatt: Sie habe ja Jörg Kachelmann immer gut leiden können, hieß es da. Einmal habe sie sogar Rock'n'Roll mit ihm getanzt und sich "ziemlich amüsiert". "Auch darum", schrieb sie, habe bei Emma zunächst die Devise "abwarten" gegolten.

Seither aber sei viel geschehen. Die "gewieften Medienanwälte" Kachelmanns hätten einen "radikalen Meinungswechsel" herbeigeführt, mit dem Erfolg, dass "etliche seriöse Blätter" Kachelmann schon im Voraus für unschuldig erklärt hätten. "Und als der TV-Star dann auch noch nach 130 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, da ging ein Seufzen durch die Reihen der Kachelmann-Freundinnen in den Medien: ,Endlich!'"

Das war erkennbar gemünzt auf die Zeit-Reporterin Sabine Rückert und die Gerichtsreporterin des Spiegel, Gisela Friedrichsen. Rückert hatte in der Tat in einem sehr frühen Stadium des Verfahrens ein Dossier in der Zeit veröffentlicht, das den Schluss nahelegte, Kachelmanns Unschuld sei schon so gut wie erwiesen - ein auch unter Journalisten nicht unumstrittener Text.