Juristentag Wer die Eltern sind, muss neu geregelt werden

Die Familie ist einem permanenten Veränderungprozess unterworfen.

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  • Die Fortpflanzungsmedizin eröffnet neue Wege zur Elternschaft: Samenspende, Eizellenspende oder die Leihmutterschaft.
  • Der Gesetzgeber hinkt aber hinterher, wenn es darum geht, neue Regeln für Co-Mütter und Doppelväter zu schaffen.
  • Der kommende Woche in Essen beginnende 71. Deutsche Juristentag hat das neue Familienrecht nun zu einem seiner zentralen Themen gemacht.
Von Wolfgang Janisch, Karlsruhe

Das Familienbild verändert sich dramatisch. Wieder einmal, denn eigentlich ist die Familie einem permanenten Veränderungsprozess unterworfen; vor ein paar Jahrzehnten waren Patchwork-Familien oder unverheiratete Paare die Zeichen der familiären Evolution. Doch die neuen Familienformen, die sich im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu etablieren beginnen, sind von der Traditionsfamilie sehr viel weiter entfernt.

Erstens hat die Reproduktionsmedizin neue Möglichkeiten des Kinderkriegens geschaffen - Samenspende, Eizellenspende, Leihmutterschaft. In Deutschland kommen jährlich etwa 1000 durch Spendersamen gezeugte Kinder zur Welt. Und zweitens gibt es, 15 Jahre nach Einführung der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft, zunehmend Familien mit homosexuellen Eltern. 11 000 Kinder leben in solchen Familien (Stand 2014). Und etwa zwei Fünftel von ihnen wurden mithilfe von Samenspenden gezeugt.

Das altehrwürdige Bürgerliche Gesetzbuch ist nicht gemacht für Bioväter und Doppelmütter

Eines allerdings ist ähnlich wie früher, als man es mit "wilden Ehen" und wachsenden Scheidungszahlen zu tun hatte: Die rechtlichen Regeln hinken hinterher. Die Paragrafen des altehrwürdigen Bürgerlichen Gesetzbuches sind nicht gemacht für Bioväter und Doppelmütter. Weil aber die Frage, was Familie ist und wer dazu gehört, dringend geregelt werden muss - nicht nur, aber vor allem zum Wohle der Kinder -, hat der kommende Woche in Essen beginnende 71. Deutsche Juristentag das neue Familienrecht zu einem seiner zentralen Themen gemacht. Tobias Helms, Rechtsprofessor an der Uni Marburg, hat ein formidables Gutachten geschrieben, das zum Grundstein einer neuen Ordnung werden könnte.

Am augenfälligsten ist der Regelungsbedarf bei lesbischen Frauen, die sich durch eine Samenspende ihren Kinderwunsch erfüllen. Um rechtlich als Co-Mütter anerkannt zu werden, bleibt nur - trotz Lebenspartnerschaft - der umständliche Weg über die Stiefkindadoption. Das ist inkonsequent, weil die Familiengründung via Samenspende inzwischen zunehmend akzeptiert wird, auch in den Kliniken. Zudem sind Doppelmütter keine schlechteren Eltern, sagt die Wissenschaft. Entscheidend sind "die behütenden Verhältnisse", ob nun in Ehe oder Partnerschaft, befand 2013 das Bundesverfassungsgericht. Helms schlägt daher eine vereinfachte Co-Mutterschaft vor, wie sie in Österreich, England oder den Niederlanden inzwischen möglich ist.