Virales Marketing "Geteiltes Leid" entpuppt sich als Werbeaktion

Die Anzeige des angeblichen Martin G. bei Ebay, hier: der zersägte Opel Corsa.

(Foto: ebay/der.juli)

Ein Mann zersägt nach der Scheidung allen Besitz und bietet die halben Gegenstände bei Ebay an. Eine zu schöne Geschichte.

Von Ines Alwardt

Die Geschichte klingt gut. Zu gut, um wahr zu sein.

Sie geht so: Ein Mann aus Berlin, er nennt sich Martin G., stellt auf der Verkaufsplattform Ebay Gegenstände ein. Es sind keine normalen Artikel, denn sie sind zersägt. Ein halber Opel Corsa. Ein halber Motorradhelm. Ein halber Teddy. Alles hat er zerteilt. Dazu postet Martin G., der sich bei Ebay der.juli nennt, ein Video, das die Zerstörung zeigt. Es beginnt mit den Worten: "Danke für 12 schöne Jahre Laura! Du hast dir die Hälfte wirklich verdient;)" Dann sieht man, wie Martin G. mit der Stichsäge ein iPhone teilt, wie er einen Stuhl zersägt, einen Fernseher und viele andere Dinge.

In den Beschreibungen zu den Gegenständen erzählt Martin G. seine persönliche Geschichte: Angeblich hatte seine Frau Laura eine Affäre mit einem Arbeitskollegen. Sie ließ sich von Martin G. scheiden, von einem Gericht sei ihr anschließend die Hälfte des gemeinsamen Eigentums versprochen worden. Martin G. also griff zur Säge, wohl auch aus Rache, und stellte die Dinge bei Ebay ein. Seine tragikomische Geschichte wird um die Welt gehen.

Nun steht fest: Nichts davon war echt

In kürzester Zeit verbreitet sie sich im Internet, genau wie die Angebote bei Ebay. Das dazugehörige Video wird mehr als drei Millionen Mal aufgerufen. Buzzfeed entdeckt die Ebay-Anzeigen, der britische Daily Mirror berichtet ebenso wie Fox News in den USA, die Augsburger Allgemeine und auch die SZ.

Zwei Tage später steht nun fest: Nichts davon war echt. Es gibt keinen Martin G., keine Laura und auch keinen Arbeitskollegen. In Wahrheit handelt es sich um eine Guerilla-Marketing-Aktion der Deutschen Anwaltauskunft, einem Verbraucher-Rechtsportal des Deutschen Anwaltvereins. Am Samstag bekannte sich die Organisation dazu.

Ziel war es, mehr Menschen in deutsche Anwaltskanzleien zu locken, damit diese sich - natürlich gegen Honorar - vor einer möglichen Scheidung beraten lassen und rechtlich absichern.

"Mit der klassischen Werbung erreichen wir heutzutage ja kaum noch Menschen"

Man habe versucht, "auf unterhaltsame Art" darauf hinzuweisen, dass Ehepaare nur selten rechtlich auf eine Trennung vorbereitet seien, sagt ein Sprecher der Deutschen Anwaltsauskunft, und begründet die Aktion so: Eine normale Aufklärung über rechtliche Fragen werde in den Medien sonst nur zurückhaltend aufgegriffen. Diese aber habe sich "zum Selbstläufer entwickelt".

Ein schlechtes Gewissen, die Welt an der Nase herumgeführt zu haben, hat die Deutsche Anwaltauskunft nicht. "Mit der klassischen Werbung erreichen wir heutzutage ja kaum noch Menschen", sagt der Sprecher der SZ.

Bei Ebay gibt es inzwischen zahlreiche Gebote für die Auktionen des angeblichen Martin G. Sie laufen noch bis zum kommenden Freitag. Dann werden die Höchstbieter die zersägten Gegenstände auch bekommen, teilte die Anwaltauskunft mit.