Tag der Freundschaft Einen Schatz muss man hüten

Das Beste, was es gibt auf der Welt: Enge Freunde machen glücklich und sind gut für das Seelenwohl. Aber kümmern wir uns wirklich genug um sie? Ein Plädoyer zum Tag der Freundschaft.

Von Christina Herbert

In Sean Penns Film Into the Wild reist Protagonist Chris McCandless durch Amerika, auf der Suche nach Ungebundenheit. Er lässt seine Familie und Bekanntschaften auf seinem Weg hinter sich, um in Alaska wahre Freiheit zu finden und zu verstehen, was Leben bedeutet. In der Einsamkeit muss McCandless einsehen: Das, was er suchte, war das, was er zurückgelassen hatte. "Glück ist nur real, wenn man es mit jemandem teilt", schreibt er in seinen einzigen Begleiter - ein Notizbuch.

Teilen, vor allem das Mit-Teilen, scheint im digitalen Zeitalter ganz leicht zu gehen. Durch virtuelle Plattformen kommt schnell das Gefühl auf, ständig mit Freunden verdrahtet zu sein - ohne persönlich mit ihnen zu sprechen. Miteinander reden und Glücksmomente wirklich teilen, sind Dinge, die in sozialen Netzwerken kaum möglich sind. Klar, Kontakt halten fällt durch diese Angebote leichter. Doch die wenigsten der etwa 120 Facebook-Kontakte, die ein User durchschnittlich hat, können als echte Freunde bezeichnet werden.

Dabei werden gute Freundschaften heute immer wichtiger. In einer aktuellen Studie der "Stiftung für Zukunftsfragen" gaben 92 Prozent der Befragten an, dass enge Freunde unerlässlich für die Lebensqualität sind. Das sind zehn Prozent mehr als noch im Jahr 2002. Damit sind erstmals freundschaftliche Beziehungen vielen Menschen wichtiger als familiäre - nur 85 Prozent hielten Familie für ebenso relevant.

Diese Zahlen sind Ausdruck einer sich wandelnden Gesellschaft: Immer mehr Menschen werden heute allein alt, althergebrachte Familienstrukturen brechen auf. Familie und Heimat werden nach der Schule zurückgelassen, um sich woanders beruflich und privat selbst zu verwirklichen oder es zumindest zu versuchen. Damit werden Freunde zu einer Art "Wahlfamilie", also zu einem gleichwertigen Ersatz für die Blutsverwandten.

Was also ist eine "echte" Freundschaft und wie lassen sich Freundschaften verbessern? Der Philosoph Michel de Montaigne schrieb im 16. Jahrhundert in seinem Essay Von der Freundschaft: "Im Übrigen sind das, was wir gemeinhin Freunde nennen, nichts weiter als Bekanntschaften. In der Freundschaft, von der ich spreche, mischen und vereinigen sich beide in dermaßen völliger Verschmelzung, dass sie ineinander aufgehen und die Naht, die sie verbindet, nicht mehr finden."

Ein wahrer Freund sollte auch mal um vier Uhr nachts - zumindest theoretisch - erreichbar sein. Er fragt ehrlich, wie es einem geht und meldet sich nicht nur wenn er Probleme hat. Ein wahrer Freund verliert vor anderen Leuten kein missgünstiges Wort. Eine solche Verbindung entsteht aber nicht über Nacht: Eine gute Freundschaft muss reifen wie teurer Wein, sagt Wolfgang Krüger, Autor des Buches Wie man Freunde fürs Leben gewinnt. Der Psychotherapeut ist sich sicher: "Bis sich eine wirkliche Vertrautheit zwischen zwei Bekannten aufbaut, dauert es in etwa ein Jahr."

Als Psychologe weiß Krüger um die Relevanz von Freundschaften: "Wir brauchen Menschen, die uns begleiten. Freundschaften bieten uns seelische Stabilität, sie sind lebensentscheidend." Auch eine aktuelle Studie, die im Fachblatt PloS Medicine veröffentlicht wurde, bestätigt: Gute und enge Kontakte mit Familie, Freunden und Kollegen schützen vor Krankheiten und erhöhen die Chance auf ein langes Leben um 50 Prozent.

Wenn Freundschaften also zunehmend die familiären Beziehungen ersetzen, ist es umso wichtiger, diese zu pflegen. Allerdings unterscheiden die Bande sich in einem ganz entscheidenden Punkt: Die Schwester wird immer die Schwester bleiben, egal was sie oder man selbst für einen Unfug anstellt. Dagegen muss ein Freund aktiv daran arbeiten, geliebt zu werden.

Bussi Bussi

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Das wirft die Frage auf, ob Freundschaften wirklich aktiv verbessert werden können. Zum Ideal der Freundschaft gehört ja auch, dass nichts erzwungen werden muss. Krüger hält das für einen Trugschluss, der dazu verleitet, sich in der Selbstverständlichkeit seiner Freundschaften auszuruhen. Ein grundsätzliches Problem sind falsche Prioritäten: Je älter man wird, umso wichtiger werden Beruf, Ehe, Kinder. Für Freunde bleibt da oft wenig Zeit. "Die Kraft reicht gerade noch fürs Fitness-Studio und drei Stunden Fernsehen täglich", so die Erfahrung des Psychologen.

Vor allem Männer tun sich häufig schwer, enge Freundschaften aufzubauen. "Männer beherrschen oftmals die Kunst des emotionalen Gesprächs nicht, sie stellen Nähe eher über Körperlichkeit her und nicht durch reden", erklärt Krüger. Nur wenige haben eine Freundschaft, in der Geheimnisse, Ängste oder auch Peinlichkeiten besprochen werden - aber genau das sind Verbindungen, die auch Krisensituationen standhalten. Männergespräche sind häufig leistungsorientiert und gerne mal prahlerisch - nach dem Motto: "Mein super Job, meine schöne Freundin, mein schickes Haus."

Das hat seine Wurzeln in der Kindheit: Jungs wird häufig beigebracht, stark zu sein und Probleme lieber mit sich auszumachen. Vor anderen Männern Schwäche zeigen, ist keine Option. Dann ist die Partnerin oder Ehefrau häufig die einzige Vertraute, muss Geliebte, Mutter und Psychotherapeutin auf einmal sein. Das kann auf Dauer belasten. Daher sei eine plötzliche Trennung für viele Männer weitaus schwieriger zu verkraften als für Frauen. Und das hat Folgen: "Die Selbstmordquote nach einer Trennung ist bei Männern vier Mal so hoch", zitiert Krüger eine US-Studie.

Der Psychologe rät dazu, regelmäßig Bilanz zu ziehen, sich also immer wieder mal zu fragen: Wie steht es eigentlich um meine Freundschaften? Wem könnte ich mal wieder etwas Gutes tun oder eine Freude machen? Die Kernfrage aber lautet: Kenne ich mein Gegenüber eigentlich wirklich oder glaube ich nur, ihn zu kennen?

Vielen Menschen fehle in ihren Freundschaften wirkliche Nähe und Vertrautheit, aber sie wüssten auch nicht, wie sie das ändern sollten. "Oft ist es schon ein guter Anfang, den Freund darüber auszufragen, was früher seine Träume waren, sich etwas über die Kindheit erzählen oder ein altes Fotoalbum zeigen zu lassen", so der Experte.

Allerdings gebe es eine wichtige Voraussetzung: "Wer sich selbst nicht liebt, kann auch anderen nicht Freund sein", ist Krügers Überzeugung. Bevor mit den Freundschaften also hart ins Gericht gegangen wird, sollte man sich zuweilen selbst fragen: Was sind meine Ängste, was meine Wünsche? Wie stelle ich mir Beziehungen zu anderen vor und was erwarte ich von ihnen? Auch über die eigene Rolle in der Freundschaft muss man sich bewusst werden und überlegen, was daran verbessert werden kann.

Wie schon die Drei von der Tankstelle vor 80 Jahren gesungen haben: "Drum sei auch nie betrübt, wenn dein Schatz dich nicht mehr liebt. Ein Freund ein guter Freund, das ist der größte Schatz den's gibt." Das Beste, was man für so eine Freundschaft tun kann, ist: regelmäßiger Kontakt - persönlich oder am Telefon und eben nicht einzeilig über Facebook. Der Alltag des anderen muss bekannt sein, damit überhaupt zu den wirklich bewegenden Dingen vorgedrungen werden kann. "Zwei Stunden in der Woche sollten also für Freunde reserviert sein, komme was wolle", rät Krüger.

Das Glück zu teilen - es liegt in der eigenen Hand. Ein guter Anfang wäre, mal wieder einen Freund anzurufen, um einfach nur zu fragen, wie es ihm geht. Wie wäre es mit heute?