Tabu Sex und Körperbehinderung "Freier mit Behinderung betrachten uns als Menschen"

Für Menschen mit schwerer Behinderung ist nichts wie für Gesunde - auch der Sex nicht. Trotz zaghafter Schritte hin zur sexuellen Befreiung bleibt ihr Bedürfnis ein Tabu. Vielen bleibt nur der Weg zu Prostituierten.

Von Sarah Ehrmann

Die Entscheidung war Matthias Vernaldi nicht leicht gefallen. Er - und eine Nutte. Er, der evangelische Theologe, der linke Intellektuelle, der Umweltaktivist. Er, der Mann im Rollstuhl. Doch "dann siegten meine Gefühle über meine Moral" erinnert sich der 52-Jährige heute, mehr als zehn Jahre danach in seiner Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg und lächelt schief. Afrikanische Skulpturen auf dem Sideboard, ein ausgestopfter Steinkauz neben blauen Schmetterlingen hinter Glas, am wuchtigen Tisch der kleine bewegungslose Mann mit dem lichten Vollbart und der blauen Decke über den von Muskelschwund dünn gewordenen Beinen.

Ein Mann geht ins Bordell, eigentlich nicht weiter erwähnenswert, gehörte Vernaldi nicht zu den geschätzten sieben bis neun Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland. Und wäre Behinderung und Sexualität nicht immer noch ein so tabubehaftetes Thema, egal ob es um Beziehungen zwischen Menschen mit Behinderung oder um käufliche Liebe geht.

Um so lässig damit leben zu können, wie Eric Toledano und Olivier Nakache es im Kinofilm Ziemlich beste Freunde zeigen, der momentan die deutschen Kinocharts anführt und eine Debatte über Selbstbestimmung und falsch verstandenes Mitleid losgetreten hat, muss man als Betroffener schon großes Glück haben. Im Film landen der querschnittsgelähmte Philippe und sein aufgedrehter Assistent Driss bei zwei asiatischen Masseurinnen in einem Studio. Als es von der bloßen Massage zum Zusatzprogramm übergeht, sagt Driss nur einen Satz: "Nicht tiefer gehen, kümmer' dich um seine Ohren." Ein Lacher mit ernstem Hintergrund: Philippes Ohren sind die letzte Bastion der Lust in einem ansonsten gefühllosen Körper.

"Scheußlich" sei es bei ihm gewesen, sagt Vernaldi über seinen ersten Bordellbesuch. Die Blicke. Die Frauen, die sagten, sie gingen nicht mit einem Behinderten mit. Die eine, die dann mechanisch ihr Programm abspulte, das Vernaldi schließlich abbrach. Und doch ging er wieder hin. "Typische Midlife-Crisis", sagt er. Damals ärgerte er sich darüber, dass Prostituierte es sich doppelt bezahlen ließen, mit ihm als Körperbehinderten aufs Zimmer zu gehen und ihn dann mit Streicheln abspeisen wollten, obwohl er nach normalem Geschlechtsverkehr gefragt hatte.

Vernaldi ist ein klugerGesprächspartner, ein guter Zuhörer. Und so lud er irgendwann einfach ein, um zu reden - Menschen mit Behinderung, Prostituierte und Sozialarbeiter der Hurenorganisation Hydra. Sie redeten lange. Stellten fest, dass der Austausch fehlte, Wünsche mit Vorurteilen kollidierten. Vernaldi gründete Sexybilities, eine Initiative der Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen.

Vorkämpfer der sexuellen Revolution

Vernaldi brachte Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, zu seinen legendären Partys kamen oft 500 Gäste. Immer wieder hört er seither die Begriffe Kämpfer, Befreiungsbewegung, sexuelle Revolution für Menschen mit Behinderung, doch er hört sie nicht gerne. "Das ist doch zu groß", sagt er nüchtern und bittet seinen Assistenten, ihm die Espressotasse zum Mund zu führen.

In einer Zeit, in der die morgendliche Erektion eines Behinderten seinen Betreuern noch eher als anstrengende Begleiterscheinung des Alltagsgeschäft denn als ernstzunehmendes sexuelles Bedürfnis galt, wuchs Vernaldi in einer linken Landkommune auf. Heute lebt er in der Stadt, in der sich in den vergangenen zwanzig Jahren ein deutschlandweit einzigartiges Modell der sexuellen Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung entwickelt hat.