Studie zum Alkoholkonsum von Jugendlichen "Alkohol macht müde und fett - beides ist für Jugendliche uninteressant"

Der Alkoholkonsum von Jugendlichen in Deutschland geht einer neuen Studie zufolge zurück.

(Foto: picture-alliance/ dpa)
  • Nach neuen Erhebungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) trinken Jugendlicher immer weniger regelmäßig Alkohol.
  • Auch steigt die Zahl der Jugendlichen, die noch nie Alkohol getrunken haben.
  • Die Gründe dafür sind Experten zufolge nicht nur Präventionskampagnen, sondern vor allem ein gesellschaftlicher Wandel.
Von Viktoria Bolmer

Der Raum ist voller Jugendlicher, es wird getanzt, getrunken. Eines der Mädchen ist so betrunken, dass sie anfängt, sich auf dem Tisch auszuziehen. Ihre Freundin, die den Wodka nicht geext, sondern in die Blumen gekippt hat, zieht sie wieder runter, gibt ihr Wasser, knöpft ihr die Bluse zu. Ein Slogan taucht auf: "Zu viel Alkohol trennt. Freundschaft verbindet." Die Szene stammt aus einem Video der oft unfreiwillig komisch anmutenden Kampagne "Alkohol? Kenn dein Limit" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). Ob es wirklich solche Präventionsmaßnahmen sind, die dafür sorgen, dass der Alkoholkonsum von Jugendlichen zurückgeht, ist schwer zu erheben. Dass der Konsum zurückgeht, ist jedoch Fakt.

Alkopops sind schon lange aus der Mode, und auch Komasaufen verliert immer mehr seinen Reiz: Nach neuen Erhebungen der BZgA vergeht der Jugend die Lust auf Bier, Wein und Schnaps. Im vergangenen Jahr gaben nur noch zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen an, regelmäßig - also mindestens einmal pro Woche - Alkohol zu trinken. Im Jahr 2004 waren es mit 21,2 Prozent noch mehr als doppelt so viele. "Zudem trinken Jugendliche später als jemals zuvor den ersten Schluck Alkohol - aktuell mit 14,9 Jahren", erklärt Studien-Leiterin Heidrun Thaiss am Donnerstag.

Der Grund dafür sind offenbar nicht nur Präventionskampagnen, sondern vor allem ein gesellschaftlicher Wandel. "Alkohol macht müde und fett, beides finden junge Leute heute uninteressant", sagt Johannes Lindenmeyer, Direktor der Salus Klinik in Lindow, die sich auf Suchtprobleme spezialisiert hat. "Aktiv sein, lange aufbleiben können, fit sein - und das auch ausstrahlen - all das wird bei jungen Leuten immer wichtiger", sagt Lindenmeyer.

Ähnlich sieht das Jugendforscher Philipp Ikrath: "Das Ausschweifende ist nicht mehr cool, es geht zunehmend um Leistung." Er sieht den Rückgang als Teil eines Mentalitätswandels: Der Slacker - zu Deutsch etwa Faulenzer - habe ausgedient. Disziplin, Leistungs- und Durchsetzungsfähigkeit rückten in den Fokus. Die Jugend verzichte auf körperschädigende Substanzen und setze stattdessen auf Gesundheits- und Sporttrends. Die passenden Bilder dazu liefere etwa Instagram. "Man kann von einer Anti-Exzess-Generation sprechen", sagt Ikrath.

Das erklärt auch, weshalb die Zahl der Jugendlichen steigt, die noch nie Alkohol getrunken haben. Mehr als ein Drittel der befragten 12- bis 17-Jährigen (36,5 Prozent) gaben in der Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an, noch nie Bier, Wein oder Schnaps probiert zu haben. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2001. "Die Ästhetik von Bier und Wein ist altmodisch, der Griff zu diesen Flaschen für junge Leute unattraktiv", sagt Suchtexperte Lindenmeyer.

Mit dem Rückgang des Alkoholkonsums ist das Problem des Komasaufens allerdings nicht behoben. Fast jeder siebte interviewte Teenager (13,5 Prozent) gab zu, sich im Monat vor der Umfrage einmal in einen Rausch getrunken zu haben. Gut drei Prozent der Jugendlichen konsumierten dabei Mengen, die bereits für Erwachsene als riskant gelten. Zwar geht auch diese Zahl zurück, Lindenmeyer warnt jedoch: "Der Anteil derer, die gar nicht trinken, mag steigen, aber die Gruppe derer, die heftiger und stärker konsumiert, ist noch immer zu groß".

Alkoholsucht entstehe aus diesem Trinkverhalten zwar in den wenigstens Fällen, sagt Lindenmeyer. Das Exzess-Trinken sei eher eine vorrübergehende Phase der Unvernunft. Diese ende meist, wenn die Jugendlichen anfangen zu arbeiten. Die Gefahren dieser Zeit seien dennoch enorm groß. "Das Risiko ist hoch, unter die Räder zu kommen", warnt der Suchtexperte. Etwa, dass es zu sexuellen Übergriffe, ungewollten Schwangerschaften, durch Trunkenheit verursachten Verkehrsunfällen und gesundheitlichen Schäden kommt.

In Deutschland heißt es oft: Trinkt nicht, trinkt nicht!

Den heftigen Alkoholkonsum von jugendlichen Exzesstrinkern führt Lindemeyer auf eine gestörte Trinkkultur in der Gesellschaft zurück. "Bei uns sagt einem niemand, wann man trinkt und wie man trinkt. Keiner zeigt einem, wie man vernünftig mit Alkohol umgeht", sagt Lindenmeyer. Während in Frankreich Eltern ihren minderjährigen Kindern ein Glas Chardonnay zum Coq au Vin erlauben, heißt es in Deutschland oft: trinkt nicht, trinkt nicht! Und dann würden die Jugendlichen heimlich trinken. Kein Bier oder Wein, sondern hartes Zeug. Oft wüssten die Jugendlichen gar nicht, was genau im Wodka oder Korn drin sei - oder wie der Alkohol wirke.

Wer in Deutschland einen Führerschein macht, der müsse vorher Fahrstunden nehmen, der werde intensiv auf Gefahren im Straßenverkehr vorbereitet. "Warum die Jugendlichen nicht in gleicher Weise auch auf den Alkoholkonsum vorbereiten?", fragt Lindenmeyer. Es gehe nicht darum, Jugendliche zum Alkohol zu verführen. Im Gegenteil. "Aber wenn sie es probieren wollen, dann macht es doch mehr Sinn, sie trinken das erste Glas Wein oder Sekt unter Aufsicht", sagt Lindenmeyer. So lernten die jungen Menschen, dass die Wirkung des ersten Glas zwar oft angenehm sei - man aber kein drittes oder viertes brauche. Weil sich dadurch das gute Gefühl nicht potenziert, sondern der Kater nur größer und die Kontrolle über den eigenen Körper kleiner wird.

(Mit Material der Agenturen)

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