Essen Wie ein Immobilienkonzern einen Stadtteil umbaut

Sieht hübsch aus, hat aber einen schlechten Ruf: das Essener Eltingviertel.

(Foto: Jannis Brühl)
  • Die Deutsche Annington will das Essener Eltingviertel aufwerten, eine heruntergekommene Bergmannssiedlung voller Altbauten.
  • Während in München und Berlin die Angst vor Gentrifizierung herrscht, haben viele Gegenden im Ruhrgebiet die Aufwertung nötig.
  • Im Eltingviertel leben viele Menschen mit wenig Geld. Manche haben Angst vor Mieterhöhungen.
Von Jannis Brühl, Essen

"Kanackengegend". So nennt der rundliche Mann in Jeans und T-Shirt das Essener Eltingviertel und breitet die Arme aus. Er steht zwischen dunkelroten Backsteinbauten und sagt, er komme nur noch her, um in seiner Werkstatt zu arbeiten: "Ich bin froh, dass ich hier nicht mehr wohne."

Das Eltingviertel hat einen schlechten Ruf - zumindest bei den Essenern, die überhaupt wissen, dass es existiert. Eine Handvoll Straßenzüge, die im Stadtzentrum liegen, eingequetscht zwischen Fußgängerzone, dem Konzern-Gelände von RWE und der Grünen Mitte. Das ist jene moderne Neubausiedlung, von deren stylischen Eigentumswohnungen die Bewohner des Eltingviertels nur träumen können, wenn sie nach Südwesten blicken. In diesem Teil Essens lebt mehr als ein Drittel der Bewohner von Hartz IV. Fast die Hälfte der Bewohner hat die doppelte oder eine nichtdeutsche Staatsbürgerschaft. Darauf spielt die Beleidigung des ehemaligen Bewohners an. "Ich bin die einzige in meinem Haus, die ihre Miete selbst zahlt", sagt Elisa Meyer, die seit 15 Jahren hier lebt und die ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen will.

Für die Bewohner des Viertels soll sich nun alles ändern. In diesen Wochen beginnt im Eltingviertel ein Experiment: Ein sozial schwaches Quartier, voll mit schönen, aber ramponierten Altbauten, wird in einer konzertierten Aktion erneuert.

Selbst wenn es im Rest von Essen Anzeichen für einen kleinen Aufschwung gibt: Ruhrgebietsstädte leiden unter Arbeitslosigkeit, Schulden und Leerstand. Dass das Eltingviertel eine Art Generalprobe für die Problemzonen einer ganzen Region sein soll, machte Nordrhein-Westfalens Bauminister Michael Groschek bei der "Innovation City"-Vorstellung im April klar: "Wir wollen das, was hier passiert, ins ganze Land hinaustragen."

Bringt das Ufo die Aufwertung, die das Viertel braucht?

Durchgeführt wird das Experiment von der Deutschen Annington. Dem größten deutschen Wohnungsunternehmen gehören hier 1400 Wohnungen, mehr als 40 Prozent des Wohnraumes. Die Annington hat sie vor einigen Jahren auf einen Schlag dem Energierkonzern RWE abgekauft. Jetzt hat sie einen Masterplan für die Gegend entwickelt, zusammen mit Innovation City, einem Unternehmen für Stadtentwicklung, und der Stadt Essen.

9,3 Millionen Euro gibt die Annington allein für die erste Bauphase aus. In zehn Jahren soll das Eltingviertel ein "lebendiges Quartier" mit energetisch sanierten Altbauten sein, in dem laut Annington "sozial Benachteiligte, Studenten und Rentner" zusammenleben. Auch wenn die Planer das nicht zugeben: Besserverdienende Mieter wären natürlich auch nicht schlecht.

"Jetzt packen wir mal 'nen ganzen Stadtteil an", sagt Arnd Fittkau von der Annington. Er dürfte an diesem Nachmittag der einzige Mensch in einem dunklen Anzug im Viertel sein und steht in einem Container, den das Unternehmen auf einen Rasen gestellt hat. Hier werben die Sanierer bei den Bürgern für ihr Projekt. Vor dem Häuserkarree, das einmal eine Bergmannssiedlung war, wirkt der Metallkasten mit den sich automatisch öffnenden Türen und den bunten Glaskuben an der Decke wie ein Ufo.

Die Deutsche Annington sucht im Eltingviertel den Kontakt zu ihren Mietern - und hat einen Info-Container aufgestellt.

(Foto: Jannis Brühl)

Bringt dieses Ufo die Aufwertung, die ein abgerutschtes Viertel braucht? Oder will da ein börsennotierter Konzern viel Geld verdienen, und Hartz-IV-Empfänger haben das Nachsehen?

Ute Hennemann sitzt im Innenhof eines der Karrees. Sie lebt seit 38 Jahren hier und sagt: "Gemacht werden muss was. Das ist nicht mehr das Viertel, das es mal war." Sie zeigt auf die abgenutzte Grasfläche vor sich. "Da war mal ein Spielplatz, den haben sie irgendwann abgerissen." Einen neuen will jetzt die Annington bauen, außerdem Geschäfte und Cafés ins Viertel holen. Hennemann und vielen anderen Mietern will sie einen Balkon an die Wohnung bauen. Noch aber ist Hennemann skeptisch: "Ich bin mal gespannt, was passiert."