Samenbanken in Deutschland Warum spenden Männer ihren Samen?

Bleichrodt und ihr Team wählen den passenden Spender für ein Paar mit Kinderwunsch zunächst nach medizinischen Gesichtspunkten wie der Blutgruppe aus. Danach kommt die Optik: Die Haarfarbe welches Spenders passt zu der der Eltern? Welcher Teint? "Dann gibt es meist ohnehin nur noch drei, vier zur Auswahl", sagt Bleichrodt. "Und schließlich schauen wir auf Veranlagung - ist jemand musikalisch talentiert? Oder handwerklich begabt?" Dazu kommt, dass der Samen eines Spenders in jeder Stadt nur in einer Familie verwendet wird - um unwissentliche Begegnungen von Halbgeschwistern möglichst auszuschließen.

Zwischen dem Spender und der Samenbank wird ein Vertrag unterzeichnet. Schließlich landet der Mann als einer von etwa 80 Namen auf der verschlüsselten Liste. Und sein Samen in einem der drei Stickstofftanks. Die Tür mit der Aufschrift "Zutritt nur für Befugte" öffnet sich in einen weiteren Raum, hinter einer Glasscheibe steht dort ein Glaskasten, der aussieht wie ein nach vorne hin offenes Aquarium. Heike Polster und ihre zwei Kolleginnen bereiten in dem Luftstrom des Kastens unter sterilen Bedingungen das Ejakulat auf, bevor es bei minus 150 Grad eingelagert wird. Etwa zehn Mal kommt jeder Mann vorbei, bis sein "Depot" - es handelt sich ja um eine Bank - vollständig angelegt ist.

Pro Spende gibt es 80 Euro; kein Vermögen. Das Urteil vom Donnerstag, wonach mit Spendersperma gezeugte Kinder ein Recht haben, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren, hat nicht nur deutlich gemacht, dass es für Samenspender keine Garantie auf Anonymität gibt. Die Entscheidung aus Hamm hat auch die rechtlichen Unsicherheiten für Samenspender in den Fokus gerückt: In Deutschland gibt es kein Gesetz, das sie grundsätzlich von Unterhaltsansprüchen befreit. Warum spenden Männer dann überhaupt?

"Manche haben ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch im Freundeskreis. Anderen gibt die Spende das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, ähnlich wie eine Blutspende", zählt Bleichrodt die häufigsten Motive auf. "Manche sind neugierig, wie es um ihre Fruchtbarkeit bestellt ist. Und bei vielen spielt die Idee, ihre Gene weiterzugeben, eine Rolle. Da ticken Männer auch einfach anders", sagt die 36-Jährige. Seit 2007 schreibt das Gewebegesetz, das auch die Organspende regelt, vor, dass Spenderunterlagen 30 Jahre lang aufbewahrt werden müssen. "Anfangs gab es danach einen Einbruch bei den Spenden", sagt Bleichrodt. "Inzwischen interessieren sich aber viele selbst dafür, was aus ihrem Sperma geworden ist."

Befruchtet seit mehr als 30 Jahren Frauen mit Spendersamen: Wolf Bleichrodt in seiner Praxis.

(Foto: ANGELIKA BARDEHLE)

Ein paar Türen weiter sitzt Wolf Bleichrodt hinter einem Schreibtisch aus dunklem Holz. Auf der Fensterbank stehen bunte Glas-Skulpturen von Embryonen, auf der Wand hinter dem 67-Jährigen hängt ein gerahmter Akt. Der Vater der heutigen Geschäftsführerin hat Ende der Siebzigerjahre mit donogener Insemination - Befruchtung mit dem Samen eines anonymen Spenders - begonnen. Die Bundesärztekammer hatte gerade erst entschieden, dass diese Praxis mit dem Beruf des Mediziners überhaupt vereinbar sei; Unfruchtbarkeit war stark stigmatisiert, künstliche Befruchtung ein Tabuthema.

Nichts sollte auf künstliche Befruchtung hindeuten

"Aber warum sollen Frauen keine Kinder kriegen, wenn der Mann infertil ist?", fragt Bleichrodt. Als er anfing, wurden die Spender nicht einmal zwingend namentlich erfasst, die Akten wurden nach zehn Jahren zerstört. "Damals stand sogar in den Verträgen mit den Eltern, dass die Daten vernichtet würden", erinnert sich der 67-Jährige. "Nichts sollte darauf hindeuten, dass es eine künstliche Insemination gegeben hatte."

Die wenigen Spenderkinder, die sich auf der Suche nach ihren biologischen Ursprüngen bislang an die Samenbank im Münchner Süden gewandt haben, wurden deswegen auch stets enttäuscht. "Es fällt uns schwer, ihnen zu sagen, dass wir keine Unterlagen mehr haben", sagt Tochter Constanze. "Aus heutiger Sicht erscheint die Herangehensweise von damals unverständlich. Heute ist uns wichtig, dass die Kinder die Wahl haben." Die Wahl, herauszufinden, welcher Mensch hinter dem kleinen Röhrchen mit dem Zifferncode steckt.