Samenbanken in Deutschland Röhrchen voller Hoffnung

Genug Sperma, um ein Kind zu zeugen: In dieses Röhrchen passt die Dosis für eine Behandlung mit Spendersamen.

(Foto: ANGELIKA BARDEHLE)

Sie heißen Kini, Joop und Wasi und ihr Erbgut lagert tiefgefroren in kleinen Plastikröhrchen. Warum spenden Männer ihren Samen? Wie werden sie ausgesucht? Und wer wählt für Paare mit Kinderwunsch den passenden Spender aus? Zu Besuch in einer Münchner Samenbank.

Von Lena Jakat

Die letzte Hoffnung steckt in nur wenige Millimeter kleinen Plastikröhrchen. Das eine Ende ist farbig markiert und mit einem Zifferncode versehen, das andere transparent. Dicht an dicht lagern die strohhalmähnlichen Behälter, von flüssigem Stickstoff umgeben, zu Hunderten in drei schweren Metallfässern. In jedem Röhrchen genug konzentriertes Sperma, um ein Kind damit zu zeugen. Die letzte Hoffnung für viele Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Für Frauen mit unfruchtbaren Männern, für Männer, deren Sperma durch Krankheit zerstört wurde, für lesbische Paare.

Ein kastenfömiges Gebäude mit schmalen, hellblau gerahmten Fenstern, steht direkt am S-Bahnhof Solln. Das Ärztezentrum. Die Samenbank liegt am Ende eines schmalen Flures in der Frauenarztpraxis im zweiten Stock. "Fertilitätsprophylaxe und Spermakonservierung" steht auf einem verspiegelten Schild an der Tür. Viele Monate, bevor aus seinen eingefrorenen Spermien ein Kind entstehen kann, klopft jeder Spender hier zum ersten Mal an. Wer vor dieser Tür steht, hat einen ersten Test bereits bestanden: die Bewerbung per E-Mail.

"Was schreibt jemand über seine Motivation?", fragt Constanze Bleichrodt und gibt gleich selbst eine Antwort: "Dass er nur an schnellem Geld interessiert ist? Welches Foto schickt jemand mit - eines, auf dem das Gesicht von einem hoch gestreckten Bierkrug verdeckt wird?" Die Diplompsychologin ist Geschäftsführerin der Cryobank München. In ihrem Posteingang blinken täglich ein bis zwei Mails von Männern auf, die Samenspender werden wollen. Dafür gibt es gesetzliche Vorgaben - etwa, dass das Sperma auf Infektionen untersucht und bis zu einem zweiten HIV-Test zunächst sechs Monate in Quarantäne aufbewahrt werden muss. Es gibt Selbstverpflichtungen des Bundesverbands für Samenbanken - zum Beispiel, dass der Spender nicht älter als 40 Jahre alt sein sollte und aus seinen Samen maximal zehn bis 15 Kinder entstehen dürfen. Und es gibt Voraussetzungen, die jede der 15 Samenbanken in Deutschland individuell festlegt.

Bei ihr landen die Bewerbungen der Samenspender. Seit acht Jahren ist Constanze Bleichrodt die Geschäftsführerin der Samenbank in München-Solln.

(Foto: ANGELIKA BARDEHLE)

"Mir ist der persönliche Eindruck von den Männern wichtig", sagt Bleichrodt, eine große Frau mit schwarzem Haar und rot geschminkten Lippen. "Ist jemand sympathisch? Kommt er zuverlässig rüber? Wie sieht er aus?" Dabei geht es weniger um Schönheit als um Durchschnittlichkeit: Es soll später nicht auf den ersten Blick erkennbar sein, wenn ein Kind nicht von seinem Vater gezeugt wurde. Eine extreme Nase kann da hinderlich sein.

Wer auf seine E-Mail hin zu einer Testspende eingeladen wird, muss nach einem kurzen Gespräch erst mal zwei Etagen tiefer - fernab der Praxis, wo er künftigen Müttern von Spenderkindern begegnen könnte. Hinter einer schweren Tür geht es zu einer Toilette, die sich auf den ersten Blick nicht von einem Krankenhaus-WC unterscheidet: weiße Kacheln, weiße Möbel, zweckmäßige Einrichtung. Wären da nicht die Zeitschriften in einer Schublade und die Pornofilme neben dem tragbaren DVD-Player. "Wir haben schon überlegt, ob wir das hier anregender gestalten", sagt Bleichrodt. "aber das wäre irgendwie unpassend."

Drastischer Rückgang der Spermienzahl

Die erbrachte Probe wird sofort untersucht. "Schon nach einer Stunde bewegt sich da deutlich weniger", sagt Heike Polster. Die Biologin mit der hellblauen Uhr, dem hellblauen T-Shirt unter dem Kittel und den hellblauen Augen erstellt die sogenannten Spermiogramme, umfassende Analysen des Ejakulats. Nur bei etwa jedem achten Mann reicht die Spermiendichte überhaupt aus, um ihn zu einem geeigneten Spender zu machen. Seit Jahren nimmt die durchschnittliche Spermienanzahl - und damit die Fruchtbarkeit - der Männer in Europa drastisch ab. Schuld sind Umweltfaktoren: Hormone und hormonell aktive Stoffe im Trinkwasser zu Beispiel, Pestizide oder Stress. "Manche, die von uns eine Absage erhalten, sind dann schon etwas betroffen", sagt Polster.

Neben dem Computermonitor, vor dem sie sitzt, hängt eine Liste. "KG" steht über einer Spalte, für "Körpergröße", "Typ" über einer anderen, "Bestand". Und in der ersten Spalte, auf lila, gelbem oder blauem Grund, werden die aktuellen Spender aufgezählt - mit ihren Decknamen. Da gibt es einen Joop, einen Kini und einen Wasi. "So wissen wir ungefähr, was der Spender für ein Typ ist", erklärt Polster. Erdacht werden die Codenamen in "kreativer Gemeinschaftsarbeit".